Absurder Glaubenskrieg

Der einzig wahre Klischee-Saarländer, der legendäre Becker Heinz, würde es vermutlich so ausdrücken: „G 8? G 9? Geh' fott!“ Leider ist es gar nicht lustig, was gerade rund um Deutschlands Schulen passiert. Wieder wird über Fluch und Segen des „Turbo-Abiturs“ gestritten.

Nach acht oder neun Jahren zur Hochschulreife - schade, dass es nichts Wichtigeres gibt, über das man in der Bildungspolitik diskutieren will.

Die seit gut 15 Jahren laufende Debatte, die das Saarland genau kennt, weil es das achtjährige Gymnasium 2001 früher als alle anderen West-Länder einführte, hat jetzt das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen erfasst. Die grüne Schulministerin sah sich genötigt, Gegner und Befürworter an einen Runden Tisch zu bitten.

Dabei sind die Argumente im Glaubenskrieg ums Gymnasium längst ausgetauscht. Die eine Seite meint, G 8 bedeute mehr Druck, die Schüler würden krank, ihnen gingen Freiräume für Hobbys oder Ehrenamt und Zeit zur Persönlichkeitsentwicklung verloren. Das andere Lager verweist auf die lange Schulzeit im internationalen Vergleich oder geißelt, wie Altbundespräsident Herzog, das zusätzliche Schuljahr als "gestohlene Lebenszeit".

Soweit wie in Hessen (G 8 oder G 9) oder in Niedersachsen, wo G 8 abgeschafft wird, ist man in NRW noch nicht. Eine "Rolle rückwärts" soll es erst einmal nicht geben, man will das bestehende System verbessern. Das deckt sich mit dem Rat prominenter Bildungsforscher wie Manfred Prenzel, Leiter der deutschen Pisa-Studie, der die vielerorts angestrebte Rückkehr zu G 9 "gefährlich" findet. Auch weil es keine Belege für Vorteile von G 9 gebe. Wie Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) spricht sich Prenzel sehr deutlich dafür aus, die Schulen endlich in Ruhe arbeiten zu lassen.

Ruhe hat auch der saarländische Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) verordnet. Ein kluger Schachzug, der sich abhebt von vielen Entscheidungen seiner Vorgänger und Amtskollegen. Denn oft haben Schulreformen ja nur eine Wahlperiode Bestand, weil jeder Bildungspolitiker nach seinem ideologischen Geschmack herumdoktert. Dass sich die Bundesländer ausgerechnet auf dem wichtigen Feld der Bildung unserer Kinder hemmungslos austoben dürfen, ist eines der großen Rätsel der deutschen Politik und ein noch größeres Ärgernis. Experimente sollte es in der Schule nur in Physik oder Chemie geben.

Was die ganze Sache absurd macht: Die Endlos-Diskussionen über Strukturen verstellen den Blick auf das wirklich Wichtige: die Inhalte, die Qualität des Unterrichts. Würde nur ein Bruchteil jener Kraft, die mit hohem Blutdruck für "Volksinitiativen" und politische Schaukämpfe verwendet wird, in eine Qualitätsdebatte fließen - Deutschlands Schüler hätten es richtig gut.