Absurde Härte

Bradley Manning hat ein Kriegsverbrechen aufgedeckt, einen schockierend kaltblütigen Angriff auf Zivilisten in Bagdad, in denen die gut gelaunten US-Soldaten an Bord zweier Hubschrauber offenbar nichts weiter als Zielscheiben sahen. Hätte der Gefreite das Video aus dem Jahre 2007 nicht an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergegeben, wäre dieses filmische Protokoll eines Blutrauschs wahrscheinlich noch immer unter Verschluss.

Mehr als berechtigt ist die Frage, warum keiner der Schützen aus den Helikoptern vor einem Richter sitzt. Wieso der inzwischen weltweit bekannte Informant bestraft wird, während die Täter anonym bleiben.

Hätte es Manning bei der Enthüllung des Streifens belassen, wäre der Fall ziemlich klar - und seine Bestrafung schlicht ein Skandal. Nur hat er Julian Assanges Internet-Plattform eben auch 700 000 Geheimdokumente der US-Regierung zugespielt, darunter eine Viertelmillion diplomatischer Depeschen - Dokumente, die er unmöglich alle selbst lesen konnte. Auf gezielte Aufklärungsarbeit, dem eigenen Gewissen folgend, sorgfältig auswählend, konnte er sich angesichts der enormen Datenfülle nicht mehr berufen. Das erschwerte seinen Verteidigern von vornherein die Arbeit.

Dass Manning amerikanisches Recht gebrochen hat, ist unbestritten. Im Laufe des Verfahrens ließ sich erkennen, dass er zur strahlenden Heldenfigur nicht unbedingt taugt, zu komplex ist seine persönliche Geschichte. Fest steht aber auch, dass die Regierung Barack Obamas ein Exempel statuieren wollte. Es ging um die Abschreckung künftiger "Whistleblower", um ein Zeichen der Härte, gewiss auch mit Blick auf Edward Snowden, den das Weiße Haus eines Tages bekanntlich ebenfalls vor Gericht sehen will, wenn auch nicht vor einem des Militärs.

Es ging aber auch um das Image eines Präsidenten, der sich von republikanischen Falken nicht nachsagen lassen möchte, dass er in puncto nationaler Sicherheit schwächelt oder die Zügel schleifen lässt. Obama, der Kontrollbesessene: Mit geradezu missionarischem Eifer holte er ein altes Gesetz aus der Rumpelkammer, den verstaubten "Espionage Act" von 1917, mit dem im Extremfall jeder, der Interna ausplaudert oder nur darüber berichtet, zum Spion gestempelt werden kann.

60 Jahre Haft für Manning zu beantragen, wie es die Armee tat, ist absurd überzogen. Die 35 Jahre, zu denen er jetzt verurteilt wurde, sind es auch. Zumal niemand belegen konnte, dass Manning den Interessen der USA tatsächlich geschadet hat. Amerikas geheime Informanten, die wegen des Datenlecks angeblich das Schlimmste befürchten mussten, ob in Afghanistan oder der arabischen Welt - in keinem einzigen Fall wurden dafür überzeugende Beweise erbracht.