Zum CDU-Video: Der Fall Rezo zeigt die Kluft zwischen Politik und Jugend

Leitartikel : Der Fall Rezo zeigt die Kluft zwischen Politik und Jugend

Jugendliche fühlen sich zunehmend von der Politik missachtet. Das zeigen die „Fridays-for-future“-Proteste um Greta Thunberg ebenso wie das Rezo-Video.

Es ist faszinierend, wie leicht sich Politiker von jungen Leuten aus dem Tritt bringen lassen, sobald der Protest Formen annimmt, die sie nicht kennen. FDP-Chef Christian Lindner empfahl Greta Thunbergs international gewordener „Fridays for future“-Bewegung hochnäsig, lieber „Profis“ an den Klimaschutz zu lassen. Und zeigte damit, wie alt er ist. Die CDU drehte als Antwort auf die Wutrede des Youtubers Rezo zunächst ein Gegenvideo mit einem Hinterbänkler, bis sie merkte, dass das wohl nicht die richtige Antwort auf fünf Millionen Klicks ist. Dann sagte Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer auch noch ebenso belustigt wie beleidigt, nun sei die Union wohl auch noch für die sieben biblischen Plagen verantwortlich.

Was deutlich wird: Hier leben zwei Welten aneinander vorbei. Dass es eine Kluft zwischen der Politik und der Jugend gibt, auch in den Artikulationsformen, ist dabei nicht neu. Die Schüler- und Studentenbewegung wollte in den 60er-Jahren mehr Demokratie im verkrusteten Nachkriegsdeutschland durchsetzen. Die Friedens- und Anti-Atom-Bewegung ging in den 70er- und 80er-Jahren aus Angst vor der nuklearen Bedrohung auf die Straße. Beide durchbrachen damals Regeln, aber sie erreichten Veränderungen.

Rezo wie Greta Thunberg verlangen nun von der Politik das, was sie am häufigsten verspricht und am seltensten schafft: Nachhaltigkeit. Die Parteien reden von „Zukunft“, blicken in der Praxis aber nur von Wahl zu Wahl. Deshalb haben sie bei der Jugend ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wer heute 20 Jahre alt ist, hat noch 60 oder gar 80 Jahre zu leben, das ist eine andere Perspektive. Würde die etablierte Politik die Sorgen der Jugend gleich stark empfinden und nicht nur so tun, wären ihre Entscheidungen vielleicht, ihre Debatten ganz sicher anders.

Das Video ist kein objektiver, journalistischer Beitrag, es ist eine mit teilweise einseitigen Fakten untermauerte Anklage. Der Youtuber Rezo will zeigen, wie sehr die CDU beim Klimaschutz, bei der sozialen Gerechtigkeit und in einigen anderen Bereichen das Prinzip der Nachhaltigkeit verletzt hat – und auch die eigenen Beschlüsse. Dass die Resonanz darauf so groß ist, ist auch ein Kommentar zu 13 Jahren Merkel-Politik. Die Kanzlerin hat viele Rücksichten genommen und oft laue Kompromisse gemacht. Auch die SPD erntet in dem Video Kritik, und die FDP hätte es genauso erwischen können. Nur die Grünen nicht, die Nachhaltigkeit schon immer buchstabieren konnten. Aber die haben auch nicht regiert und mussten ihre Glaubwürdigkeit kaum beweisen.

Die Kritisierten sollten erst gar nicht versuchen, den Vertreter dieser Anklage zu verunglimpfen. Sie sollten sich fragen, warum der Beitrag so vielen jungen Menschen gefällt und sie sollten sich mit der Kritik inhaltlich auseinandersetzen. Ein bisschen „Wir haben verstanden“ wäre die bessere Antwort als die, die Kramp-Karrenbauer gegeben hat. Zumal, Faktencheck, die Bibel zehn Plagen kennt.

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