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SZ-Leitartikel: Gefühlter Brexit oder: Johnsons riskantes Spiel

Verhandlungen mit der EU : Gefühlter Brexit oder: Johnsons riskantes Spiel

Es ist zwar nichts Neues, dass die britische Brexit-Elite ihr Land für so außergewöhnlich hält, dass sie überzeugt ist, niemanden zu brauchen, schon gar nicht Europa. Doch man könnte meinen, dass der mühsame und seit Jahren mit Dramen gefüllte EU-Austrittsprozess das Märchen von Großbritanniens Einzigartigkeit als solches entlarvt hätte.

Dem ist aber keineswegs so. Vergangenen Freitag schoss Premierminister Boris Johnson abermals mit einer Ansprache verbal in Richtung Brüssel – und schob nicht nur alle Schuld des bisherigen Scheiterns der Gespräche um ein künftiges Freihandelsabkommen auf die EU, sondern drohte außerdem, die Verhandlungen abzubrechen, sollte sich die Staatengemeinschaft nicht im Sinne Londons bewegen. Immerhin, am Mittwoch ruderte London zurück, die Verhandlungen gehen weiter.

Das Problem ist, dass es längst nicht mehr nur um inhaltliche Streitfragen geht. Die Partner könnten sich mit Kompromissen auf beiden Seiten natürlich bei der Fischerei oder bei den Staatshilfen einigen. Mittlerweile aber spielen Emotionen eine zu große Rolle. Und da wird es gefährlich. Gefühle lassen Menschen unberechenbar agieren, weshalb Johnson und seinen europaskeptischen Cheerleadern jeder Schritt zugetraut werden sollte. Ihnen sind die wirtschaftlichen Belange weniger wichtig als die viel beschworenen Schlagworte Freiheit, Unabhängigkeit und Souveränität. Das ist ihr gutes Recht. Leider deckt sich der dargestellte Optimismus in Westminster bezüglich der Vorbereitungen auf einen No-Deal-Brexit aber keineswegs mit den Hilferufen aus der Wirtschaft. Unternehmer erwarten Chaos und Verzögerungen an den Grenzen, Geschäftsleute blicken entsetzt auf Bürokratie, drohende Zölle und Kontrollen, Logistiker rechnen mit langen Lkw-Staus in den Häfen. Ganz zu schweigen vom ehemaligen Bürgerkriegsgebiet Nordirland, wo man Angst vor einem Aufflammen der Konflikte hat.

Im Königreich rätseln Beobachter, wie ernst es Johnson mit dem harten Bruch meint. Handelt es sich um das übliche Säbelrasseln, um vor seinen Landsleuten Stärke zu demonstrieren, indem der Premier jetzt laut gen Brüssel poltert und sich in wenigen Wochen mit Schützenhilfe der EU als Retter eines Deals inszeniert? Oder würde er es riskieren, dass mit dem Ablauf der Übergangsfrist am 31. Dezember die Regeln der Welthandelsorganisation greifen?

Im Grunde kann sich das von der Pandemie gebeutelte Königreich zusätzlich zur zweiten Coronavirus-Welle keine weiteren Beeinträchtigungen leisten, auch wenn es diese ohnehin geben wird – ob ein Abkommen steht oder nicht. In jedem Fall wird die politische wie wirtschaftliche Beziehung zwischen dem Kontinent und dem Königreich ab 2021 fundamental anders aussehen. Der Vorteil eines Vertrags ist jedoch, dass nicht alles Vertrauen zerstört wäre. Am Ende nämlich, das wird leider zu oft vergessen, bleiben Großbritannien und die restlichen EU-Mitglieder sowohl Nachbarn als auch enge Verbündete und Handelspartner.