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Debatte um Impfpflicht
Es gibt auch eine Pflicht zum Schutz der anderen

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Das Beispiel könnte Schule machen. Nach dem denkwürdigen Beschluss des Brandenburger Landtags zur Einführung einer Masern-Impfpflicht in Kitas denkt jetzt Nordrhein-Westfalen über entsprechende Maßnahmen nach. Von Stefan Vetter

Aber vielleicht kommt auch eine bundesweite Lösung zustande: Familienministerin Franziska Giffey von der SPD ist genauso dafür wie Gesundheitsressortchef Jens Spahn von der CDU. Da geht doch was in der großen Koalition.


Seit Jahren treibt die Nation das Thema um. Schon 2013 hatte der damalige Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr eine Masern-Impfpflicht angeregt. Zwei Jahre später fand zumindest eine Pflicht zur Impfberatung für alle Kita-Kinder Eingang ins Gesetzbuch. Aber wirklich befriedigend ist das noch immer nicht. Zwar handelt die übergroße Mehrzahl der Eltern verantwortungsbewusst. Nach neuesten Untersuchungen haben immerhin fast 93 Prozent der Erstklässler einen umfassenden Masern-Schutz. Doch zur Ausrottung der gefährlichen Krankheit muss die Quote mindestens bei 95 Prozent liegen. Es gibt die Nachlässigen, denen man durch regelmäßige ärztliche Hinweise auf die Sprünge helfen kann. Aber es gibt eben auch die Impf-Verweigerer, bei denen auch gutes Zureden nicht hilft. Also kann die Konsequenz nur eine Impfpflicht sein. Es wäre eine Pflicht für sehr wenige. Die meisten betrachten sie ja ohnehin als eine solche.

Ja, eine Impfpflicht birgt rechtliche Tücken. Und ja, es gibt auch Gegenargumente. Skeptiker führen vor allem die Impfstoffe ins Feld, die angeblich mindestens so gefährlich seien wie die Masern selbst. Im Internet kursieren dazu abschreckende Beispiele. Doch sie stehen für ein äußerst seltenes Phänomen. Untersuchungen zufolge kommen auf 16 Millionen Impfstoffdosen gerade einmal sieben schwerste Komplikationen. Umgekehrt jedoch stirbt in den Industrie-Staaten einer von 1000 Masern-Infizierten. Die Gefahr, durch Impfverweigerung zu Schaden zu kommen, ist also sehr viel größer, als die Impfung zu ertragen. Und dann gibt es noch jene, die sich schlicht ihrer Freiheit beraubt fühlen, falls man ihnen das Impfen zur Pflicht macht. Konsequenterweise dürften solche Leute dann aber auch kein Flugzeug mehr besteigen, denn davor werden sie gezwungen, sich abtasten und ihr Gepäck kontrollieren zu lassen.



Es muss jedenfalls zu denken geben, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die mangelnde Impfbereitschaft gerade in westlichen Wohlstandsländern als eine der größten globalen Bedrohungen vergleichbar mit dem Ebola-Erreger oder antibiotikaresistenten Keimen eingestuft hat. So betrachtet wäre selbst eine Impfpflicht für Kita-Kinder lückenhaft, denn Ansteckungsgefahr droht zum Beispiel auch auf öffentlichen Spielplätzen. Eine solche Pflicht kann aber die Einsicht befördern, auch an Gruppen wie chronisch Kranke oder ganz junge Säuglinge zu denken, die nicht geimpft werden können. Ihr Masern-Schutz ist vom maximalen Selbstschutz der anderen abhängig.