Leitartikel : Kein Zampano und kein Fähnlein im Winde

Schwer fällt die Wahl. Es gibt keinen klaren Favoriten. Die Umfragen unter CDU-Anhängern zeigen, wie ratlos auch die Basis ist. Deshalb sollten sich die 1001 Delegierten des Online-Parteitages vor ihrer Stimmabgabe am Sonnabend die Frage stellen, was sie eigentlich für eine CDU wollen Und danach erst, wer dafür der Beste ist.

Es gibt Entscheidungskriterien. Eines lautet: Wen kann man sich als Parteichef auch ohne Kanzlerschaft vorstellen? Denn 18 Jahre Merkel-Vorsitz und 16 Jahre Merkel-Kanzlerschaft haben das Parteileben verkümmern lassen. Eine Trennung von Vorsitz und Kanzlerkandidatur ist überfällig. Und nur jetzt gibt es dafür die Chance. Das spricht für jene Kandidaten, die dazu prinzipiell bereit sind, die sich zurücknehmen können. Hinzu kommt, dass nach Lage der Dinge die attraktiveren Bewerber für das Kanzleramt am Sonnabend gar nicht zur Wahl stehen, nicht Markus Söder und ebenso nicht Jens Spahn.

Außerdem hat es der nächste Kanzler, sofern ihn die Union stellt, entweder mit den Grünen als Koalitionspartner oder mit einem Dreierbündnis zu tun. Er muss wahrscheinlich noch schmerzlichere Kompromisse machen als Angela Merkel. Klar ist da die Verführung groß, die Partei ruhig zu stellen, und wahrscheinlich wird der kommende Regierungschef irgendwann nach dem Vorsitz greifen. So wie es bisher immer war. Umso mehr sollte die Partei versuchen, sich so lange wie möglich unabhängig zu halten. Um Druck machen zu können, schon bei kommenden Koalitionsverhandlungen. Und um die eigene Identität in so einem Bündnis bewahren zu können.

Die Identität ist das zweite Kriterium. Es gibt in der CDU die Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Aber allein als eine herkömmliche Wirtschafts- und Ordnungspartei wird sie keine große Zukunft haben. Die Gesellschaft hat sich weiter entwickelt. Wer also schafft es, das Alte mit dem Neuen zu versöhnen? Die innerparteilichen Debatten so zu führen, dass der konservative Markenkern bleibt, man aber trotzdem ökologische Verantwortung übernimmt, die Gleichstellung der Frauen fördert, weltoffen ist und die Demokratie zur Bürgerdemokratie weiterentwickelt? Ein Vorsitzender, der das moderne Leben nur widerwillig akzeptiert, wird nicht weit kommen.

Das dritte Kriterium: Die Einheit der Partei. Der augenblickliche Höhenflug täuscht. Wenn Merkel weg ist, wird die CDU als ganz normale Partei dastehen. Und wenn die Personal- und Sachquerelen anhalten, zerstrittener wirken als die momentan sehr disziplinierten Grünen. Dann purzeln die Umfragewerte auch auf Unionsseite so schnell nach unten wie bei der SPD. Also lautet die Frage: Wer baut nach dieser heftigen Personalauseinandersetzung innerparteiliche Brücken? Wer kann die Debatten moderieren? Wer verfügt nicht nur über Führungsstärke, sondern gleichzeitig auch über Demut? Gesucht wird kein Zampano. Aber auch kein Fähnlein im Winde. Sondern eine Integrationsfigur.