Leitartikel : Das „andere“ Olympia hat eine Chance verdient

Die Olympische Idee ist tot. Korruption, Geldmacherei, Doping, und jetzt auch noch Corona. So plakativ spricht bisweilen gerne mal der Stammtisch. Braucht es in einer Zeit wie der aktuellen wirklich so ein Groß­ereignis?

Zumal die Fußball-EM mit vielen Ansteckungen – die übrigens wohl zum größten Teil nicht in Stadien passiert sind – Olympia einen Bärendienst erwiesen hat. Bilder von vollen Stadien und grölenden Fans wird es aus Tokio nicht geben, die ersten Geisterspiele der Geschichte werden gewöhnungsbedürftig sein.

Es wurde hart um die ein Jahr verschobenen Spiele gekämpft, die Herren der Ringe des IOC haben sich am Ende gegen alle Bedenken, Ängste und Einwände durchgesetzt. Und wozu das alles? Klar, zum Geldverdienen. Wobei aber wohlgemerkt nicht nur die Funktionäre profitieren. Bei einem Ausfall von Olympia hätten womöglich Milliardenverluste gedroht, den Weltsport zu unterspülen. Die Einnahmen werden zum allergrößten Teil an die internationalen und nationalen Sportverbände weitergegeben. Ohne dieses Geld hätten es beispielsweise die „kleinen“ Verbände im mitten in der Führungskrise steckenden Deutschen Olympischen Sportbund DOSB schwer, sich weiterzufinanzieren. Viele Sportarten, die nur einmal alle vier Jahre auf der großen Bühne des Weltsports stehen, wären in ihrer Entwicklung bedroht. 

Nicht nur das ganze Sportsystem oder der geneigte Fan am TV-Bildschirm freuen sich trotz allem auf Tokio. Es sind vor allem die Sportler. Zwar drohen sie seltsam freudlose Spiele zu erleben. Doch brauchen auch sie – wie jeder Mensch – nach monatelangem Lockdown und Stillstand wieder Perspektiven und Ziele. Olympia ist für viele eine Belohnung für jahrelanges Schinden und tägliches mehrstündiges Training, es ist ihre Lebensgrundlage und ihr Karriere-Höhepunkt. Dabei verdient der Kanute oder der Schütze, der Judoka oder die Fechterin mit dem Sport oft kaum Geld – und ist stattdessen auf die Fördergruppen von Polizei oder Bundeswehr angewiesen, um die jeweilige Sportart professionell betreiben zu können. Den Sportlern Olympia zu neiden, wäre zwar menschlich – aber keinem anderen von der Corona-Krise Betroffenen wird durch die Spiele etwas weggenommen. Zumal die Athleten vor Ort weitgehend isoliert sein werden, weil sie sich aus dem Olympischen Dorf und den Trainings- sowie Wettkampfstätten nicht herausbewegen dürfen. Damit stellen sie auch keine Gefahr für die japanische Bevölkerung dar.

Sportlich wird es viele Unwägbarkeiten und Überraschungen geben, denn durch Corona waren für jeden Sportler die Voraussetzungen anders. Auch das Doping-Kontrollsystem war monatelang gelähmt, Kontrollen kaum möglich. Zudem nahmen Athleten wie etwa aus China seit Pandemie-Beginn kaum an Wettkämpfen teil, keiner weiß, wie stark sie sind. Die Olympische Idee – nein, sie ist nicht tot, trotz aller Fehler und Auswüchse. Aber sie hat es schwer in diesen Zeiten – wie auch andere Ideen: etwa die des Liberalismus, der Solidarität oder der Toleranz. Zu Grabe tragen müssen wir sie aber noch lange nicht.