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Leitartikel: Trump fehlt das Verständnis für die Machtbalance

Leitartikel : Trump fehlt das Verständnis für die Machtbalance

Die Reaktion des Nato-Generalsekretärs ist ein Witz. Wie Jens Stoltenberg aus dem Abzug von rund 6400 US-Soldaten aus Europa ein Zeichen für das „fortgesetzte Engagement der Vereinigten Staaten für die Nato“ herauslesen kann, erschließt sich nicht.

Der amerikanische Präsident Donald Trump hat nur selten einen Hehl aus seiner mangelhaften Bündnistreue gemacht – und wann immer er das Gegenteil behauptete, blieb das unglaubwürdig. Zwar ist der Appell Washingtons an die Partner, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, ohne Zweifel richtig und übrigens keine Erfindung dieses US-Präsidenten. Aber wenn Trump verstanden hätte, dass die Präsenz der Vereinigten Staaten auf europäischem Boden Teil einer Machtbalance mit Moskau ist, wäre er nicht auf diese Idee gekommen.

Für das Bündnis bricht nun keine Welt zusammen, aber die inneren Auflösungserscheinungen entwickeln sich doch zunehmend zu einer ernsthaften Belastung. Die USA ziehen sich schleichend zurück, wohl auch deshalb, weil die Zahl der Mitgliedstaaten, die mit Washington das gleiche Feindbild Russland teilen, zurückgeht, auch wenn die USA mit Hinweis auf die zunehmende russische Aufrüstung durchaus Recht haben.

Nun sind solche Identitätskrisen der Nato nicht neu. Experten verweisen darauf, dass das Bündnis genau genommen schon seit dem Zusammenbruch des Ost-West-Gegensatzes nach einer neuen Bestimmung oder einem anderen Feindbild sucht – und für moderne hybride Konfliktschlichtung derzeit auch nicht zu gebrauchen ist. Es fällt leicht, sich vorzustellen, wie im Weißen Haus Berichte über nicht einsatzfähige Panzer, Hubschrauber oder Jagdbomber aufgenommen werden.

Dabei reagieren die Europäer ja längst, haben auch die Botschaft, ihre Sicherheit selbst in die Hand zu nehmen, verstanden. Unter der Flagge der EU wird fleißig an einer neuen europäischen Verteidigungsgemeinschaft namens Pesco gebaut. Was ursprünglich wie eine Einkaufsgenossenschaft zum preiswerten Erwerb von Militärgerät und Ausstattung daher kam, entwickelt sich langsam zu einem auch strategischen Gebilde. Die beteiligten Staaten hatten gedacht, diese Bemühungen würden Gnade in den Augen der Vereinigten Staaten finden, weil sie ja zu höheren Anstrengungen der Wehrhaftigkeit beitragen. Das ist nie der Fall gewesen, gerade weil Trump nicht die militärischen Fähigkeiten interessieren, sondern die Entlastung Amerikas von kostspieligen internationalen Verpflichtungen. Es ist eine Seite des Protektionismus à la „America first“, den der US-Präsident konsequent in allen Bereichen durchsetzen will.

In Brüssel war man in der Vergangenheit schon froh, wenn wieder ein Gipfeltreffen ohne Austrittsdrohung der USA aus dem Bündnis überstanden war. Vier weitere Jahre mit diesem Präsidenten im Weißen Haus könnten jedoch genau auf diesen Schritt hinauslaufen. Und die Nato erscheint nicht vorbereitet und vor allem nicht in der Lage, sich davon zu erholen.