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Leitartikel: Schmutzige Profilierung unter Pandemie-Vorwand

Leitartikel : Schmutzige Profilierung unter Pandemie-Vorwand

Es kommt in diesen Tagen nicht häufig vor, dass man bei Interviews mit CDU-Chef Armin Laschet zustimmend nicken muss. Am Dienstagmorgen war ein solch seltener Moment. Laschet warnte davor, die Corona-Frage mit Parteipolitik zu verquicken.

„Die ist viel zu ernst für diese Spielchen“, sagte der NRW-Ministerpräsident im ZDF – und in diesem Punkt hat er recht. Das Fatale ist allerdings, dass Laschet selbst nicht danach handelt. Wie sonst ließe sich erklären, dass er erst jetzt einsieht, man brauche einen harten Lockdown? Seit Wochen weisen Virologen auf die Gefahren der Mutationen hin, prognostizieren Gesundheitsexperten das exponentielle Wachstum der Infektionszahlen, warnen Intensivmediziner vor der Überlastung der Klinikstationen. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Und Laschet? Wollte über Ostern nachdenken, um am Ende doch zu der Erkenntnis zu gelangen, dass eine halbherzig umgesetzte Notbremse nicht ausreicht, um die rollende dritte Corona-Welle zu brechen. Nun nennt er es „Brücken-Lockdown“ und verkauft es als neue Idee. Wie durchschaubar! Würde es in Corona-Fragen tatsächlich nur um Corona gehen, hätte der NRW-Regierungschef viel früher und viel entschiedener reagieren müssen. Stattdessen hat er, abgelenkt vom eigenen Machterhalt und dem Wettbewerb um die Kanzlerkandidatur mit seinem bayerischen Widersacher Markus Söder, wertvolle Zeit verspielt. Wider besseren Wissens findet unter dem Vorwand der Pandemiebekämpfung ein schmutziger Profilierungskampf statt. Das ist fahrlässig. Und so weicht das kurze Nicken am Ende doch wieder dem Kopfschütteln – wie so oft in diesen Tagen.

Auch Markus Söder trifft diese Kritik. Zwar ist der CSU-Chef geschickter als Laschet darin, sich als tatkräftiger Krisenmanager darzustellen, der nicht lange fackelt, sondern beherzt anpackt. Doch Söders Inszenierung kann nicht davon ablenken, dass Bayern das Pandemiegeschehen keineswegs im Griff hat. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt aktuell mit 129 höher als in NRW. Hinzu kommt, dass Söder die medialen Bühnen, die sich ihm bieten, viel schamloser zur Profilierung ausnutzt als Laschet. Während dieser von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stolpert, holt Söder zu immer härteren Seitenhieben aus, je näher die Entscheidung in der K-Frage rückt. Mal inszeniert er sich als Liebling der nach wie vor beliebten Kanzlerin, mal setzt er auf die Karte seiner Umfragewerte. Mit seinem öffentlichen Poltern trägt er weder zur viel beschworenen Einigkeit in der Union noch zur besseren Pandemiebewältigung bei. Auch das ist durchschaubar.

Es geht gerade um mehr als um die Karrieren von Armin Laschet oder Markus Söder. Es geht gerade um die Bildungschancen von Tausenden von Kindern, um den Erhalt von Arbeitsplätzen, um den Zusammenhalt von Familien, um wirtschaftliche Existenzen, um Menschenleben. Zwar haben die allermeisten Bürger nicht die öffentliche Aufmerksamkeit, um ihren Unmut laut kundzutun. Doch sie haben eine Stimme an der Wahlurne. Das sollten die Mächtigen bei ihrem egoistischen Machtgerangel nicht vergessen.