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Leitartikel: Je solidarischer, desto erträglicher

Leitartikel : Je solidarischer, desto erträglicher

Lockdown, Schließung. Auch wenn es offiziell nicht so heißt, das, was die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten beschlossen haben, ist nichts anderes. Geselligkeit, Freunde, Familie, Reisen, Hobbys.

Das macht den Reiz des Lebens aus. Er wird dem Land nun wieder für Wochen genommen. Und zwar überall. Aber, liebe Aluhut-Fraktion, nicht von bösen Regierungen oder satanistischen Verschwörungsnetzwerken. Sondern von einem Virus, das wie eine Naturgewalt über die ganze Welt gekommen ist.

Eine Illusion ist geplatzt. Nämlich, dass man der Pandemie nach dem ersten Lockdown im Frühjahr mit ein bisschen Abstand und Maske, teilweise auch nur mit Abstandsgetue, beikommen könne, bis ein Impfstoff da ist. Doch dieses Virus ist heimtückisch. Es verführt zu Nachlässigkeiten und bestraft sie dann gnadenlos. Nach dem Sommer der Hoffnung kommt nun ein dunkler Herbst der Resignation. Die Börsen reagieren nervös – Vorbote der ökonomischen und sozialen Schleifspur, die der zweite Lockdown hinter sich herziehen wird. Erneut versucht Olaf Scholz die gröbsten Probleme mit Geld zuzukleistern, das aus Schulden genommen wird. Doch diese Methode ist endlich. Mit der Illusion zerplatzt auch die bisherige politische Einigkeit. Die Ärzteverbände haben sich fast geschlossen gegen die Maßnahmen gewandt, ebenso die Wirtschaft. Die Linke und die FDP äußern Kritik, die AfD sowieso. Es wird noch mehr Widerstand geben. Trotzdem, es gibt aktuell keine wirkliche Alternative zu dem Beschlossenen. Die einzige Alternative, die es gäbe, wäre ein noch härterer Lockdown. Mit geschlossenen Kitas, Schulen und Betrieben, mit generellen Ausgangssperren. Das will niemand. Es nützt auch nichts, wenn jede Branche für sich jetzt eine Ausnahme fordert, selbst wenn die Gründe im Einzelfall nachvollziehbar sind. Einzelfallgerechtigkeit ist bei aktuell 15 000 Neuinfektionen pro Tag nicht das Thema. Das Thema ist, dass man nicht mehr weiß, woher die Welle kommt. Und dass deshalb die Zahl der Kontakte jedes Einzelnen sofort drastisch sinken muss, um die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe der Krankheit zu minimieren und wieder auf ein kontrollierbares Infektionsniveau zu kommen. Es geht wohl auch da­rum, wieder ein Klima größerer Vorsicht zu erzeugen. Also wird gehobelt. Und es fallen Späne.

Wenn es keine vernünftige Alternative zu etwas gibt, dann muss man da durch. Je solidarischer man das tut, desto erträglicher ist es. Hass und Geschimpfe verschlimmern die Situation nur. Ein jeder passe auf sich selbst auf. Und auf seine Mitmenschen. An diesem Donnerstag will Angela Merkel die Beschlüsse im Bundestag erklären. Die Ministerpräsidenten sollten das in ihren Landtagen auch tun. Die neuen Regeln, von demokratisch gewählten Politikern angeordnet, müssen von allen akzeptiert werden. Aber sie müssen und dürfen auch diskutiert werden. Alle lernen in dieser verfluchten Krise. Und sie können sie nur überwinden, wenn sie lernbereit bleiben. Auch die Regierungen.