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Leitartikel: Die nächste Phase bietet keinen Anlass zum Aufatmen

Leitartikel : Die nächste Phase bietet keinen Anlass zum Aufatmen

Die Vereinbarung von Bund und Ländern zu ersten Lockerungen der Corona-Einschränkungen ist kein Grund zum Jubeln. Dazu fallen die beschlossenen Erleichterungen aus guten Gründen zu bescheiden aus.

Vor allem werden die Kontaktsperren bis zum 3. Mai bestehen bleiben. Mindestens. Freiheit ist eindeutig etwas anderes. Einige Fragen sind bei der Beratung der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin dann auch offen geblieben. Dass etwa nur eine dringende Empfehlung beschlossen wurde, Masken zu tragen, liegt an der fehlenden Schutzausrüstung. Dieses Problem ist noch lange nicht gelöst. Besonders große Unsicherheit herrscht freilich weiterhin bei den Schul- und Kita-Öffnungen. Trotz des vereinbarten Datums 4.  Mai, zu dem der Schulbetrieb wieder starten soll.

Angesichts der bisherigen Debatte und mancher Ankündigung kann man Zweifel daran haben, ob alle Länder tatsächlich an einem Strang ziehen werden. Aber das ist im Grunde zweitrangig. Neben einem konkreten Termin ist doch für Eltern, Lehrer und Kinder ebenfalls wichtig: Sind die jeweiligen Schulen und Einrichtungen überhaupt in einem Zustand, selbst bei einer schrittweisen Öffnung den Infektionsschutz zu gewährleisten? Können sich alle entsprechend den Corona-Regeln verhalten – Abstand halten im Unterricht, Händewaschen mit warmem Wasser? Und gibt es genügend Personal für kleinere Klassen und Gruppen? Klingt profan, ist es aber nicht. Dazu möchte man von politischer Seite endlich mehr hören.

Die nun von Bund und Ländern eingeleitete nächste Phase im Kampf gegen Corona bietet jedenfalls noch keinen Anlass zum Aufatmen, auch wenn die aktuellen Fallzahlen darauf hindeuten, dass das bisherige Vorgehen der Verantwortlichen richtig gewesen ist und wirkt. Vielmehr beginnt jetzt die die nächste riskante Zeit, in der das Krisenmanagement verstetigt werden muss. Oder um es zugespitzt zu formulieren: Läden und Restaurants dicht zu machen, die Menschen ins Home Office zu schicken und die Wirtschaft weitgehend runterzufahren, war vergleichsweise einfach. Jetzt sind auf dem langen Weg zurück in eine neue Normalität viel Präzision und Umsicht gefragt, damit man nicht plötzlich entgegen aller Hoffnungen eine Notbremsung hinlegen muss. Denn das Virus ist nicht weg. Einen Impfstoff gibt es noch nicht. Insofern ist es richtig, wenn alle Beteiligten weiterhin vor einer womöglich trügerischen Sicherheit warnen.

Ein fader Beigeschmack bleibt durch die Art und Weise, wie einzelne Bundesländer sich zuletzt einen Konkurrenzkampf um die Aufhebung von Beschränkungen geliefert haben. Selbstverständlich kann das Vorgehen gegen Corona nicht überall identisch sein, weil das Ausmaß der Pandemie von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist. Gleiches gilt damit auch für das Zurückdrehen der Maßnahmen. Doch mancher ambitionierte Antreiber hat zugleich andere starke Ziele verfolgt als nur die Eindämmung des Virus – genauso wie mancher ambitionierte Bremser. Das dürfte auch nach den jüngsten Beratungen so bleiben. Ob Angela Merkel das will oder nicht.