Leitartikel: Die Lehre aus dem Mauerfall - Geschichte hört nie auf

30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer : Geschichte kann sich drehen – aber nicht nur zum Guten

Der Mauerfall von 30 Jahren war ein schier unglaubliches Ereignis - eine Sternstunde. Er sollte aber auch lehren, dass die Geschichte nicht stillsteht und sich unsere Welt radikal ändern kann.

Trotz aller Misstöne zwischen alten und neuen Ländern in diesen Tagen: Fernseh-Bilder und eigene Erinnerungen an den 9. November 1989 lösen heute noch Freudentränen aus. Selten war eine geschichtliche Wendung für die meisten Menschen so rundum positiv wie der Fall der Berliner Mauer – und kam so unverhofft.

Sicher: Im November 1989 lief der Exodus der DDR-Bürger über Ungarn und die CSSR seit Wochen, Erich Honecker war Geschichte, in Ost-Berlin und Leipzig demonstrierten die Menschen furchtlos. Doch wer hätte am Morgen des 9. November vorhergesagt, dass die DDR-Bürger abends auch dank der euphorischen Überinterpretation westdeutscher Sender das kryptisch-bürokratische Gestammel Günter Schabowskis als Aufforderung missinterpretieren würden, sich völlig frei zwischen Ost und West zu bewegen? Und keiner hätte am 10. November gewagt zu sagen, dass schon im Oktober darauf die Einheit stehen würde, und das als Beitritt der DDR zum Grundgesetz, unter dem Dach der Nato! Ereignisse, die sonst für zehn Jahre Weltgeschichte reichen, verdichteten sich auf wenige Monate.

Dass die Geschichte solche Volten schlagen kann, sollte als Erfahrung aus jenen Tagen überdauern. Wer sagt, er habe alles kommen sehen, schwindelt. Erwiesen ist aber: Die vorherrschende Meinung in der Bundesrepublik der 80er Jahre, die Teilung sei endgültig, war falsch. Man hätte auch durchaus sehen können, dass fundamentale Entwicklungen am Bestand des Ostblocks und letztlich an der Mauer zumindest rüttelten, dass sich 40 Jahre Staatswirtschaft bis in die letzte Faser der DDR gefressen hatten, dass das Rumoren in den osteuropäischen Gesellschaften lauter wurde. Das SED-Regime, der Warschauer Pakt, die Sowjetunion – rückblickend ist kaum vorstellbar, wie sie die folgenden Jahrzehnte hätten überstehen sollen.

Es ist daher in jeder Epoche klug, aktuelle Entwicklungen unvoreingenommen zu betrachten. Der Status Quo ist der Status Quo, er ist nie das Ende der Geschichte. Die Machtspiele der Kaiserzeit führten zum Ersten Weltkrieg, die Hinterzimmer-Politik, die Hitler 1933 an die Macht brachte, zum Holocaust. Auf den Immobilien-Rausch der Amerikaner folgte 2008 die Weltfinanzkrise, auf die Kürzung von Hilfen für die libanesischen Flüchtlingslager 2015 die Flüchtlingskrise in Europa. Nichts war zwingend. Nichts war aber auch undenkbar. Es wurde nur nicht oder nicht laut genug gedacht.

Speziell die Jahre 1989 und 1990 lehren: Entwicklungen, die sich rasant beschleunigen, hören nicht einfach so auf. Heute ist das eine eher beunruhigende Erkenntnis, betrachtet man die rapiden Veränderungen, die den Westen, wie wir in kennen, bedrohen. Brexit, Trump, AfD, die Macht der Internet-Konzerne, der wachsende Einfluss Chinas bis nach Europa. Und der Raubbau an Klima und Ressourcen. Es gibt viele Faktoren, die derzeit drohen, die Welt aus den Angeln zu heben – und Dinge zum Einsturz zu bringen. Es müssen nicht immer trennende Mauern sein, es kann auch Fundamente unserer Gesellschaft treffen – und es wird dann keine Freudentränen geben.

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