Leitartikel: Das Jammern über die Rente mit 63 ist zweifelhaft

Leitartikel : Zwischen Freud’ und Leid: Die Frührente per Gesetz

Die abschlagsfreie Rente ab 63 gehört zweifellos zu den populärsten Gesetzen, die die große Koalition erfunden hat. Wer zu vergleichsweise attraktiven Konditionen in den Vorruhestand gehen kann und die rentenrechtlichen Voraussetzungen erfüllt, der macht davon rege Gebrauch.

Umgekehrt klagen nun die Arbeitgeber, dass ihnen damit jedes Jahr Hunderttausende gut ausgebildete Fachkräfte vorzeitig von der Fahne gehen. Was des einen Freud’, ist des anderen Leid.

Demographisch betrachtet war es sicher nicht sonderlich klug von der Groko, die Frühverrentung politisch neu zu beleben. Es sind auch nicht die gesundheitlich angeschlagenen „Malocher“, die nach offizieller Lesart der SPD eigentlich damit bedacht werden sollten. Diese Menschen müssen sich nämlich zumeist mit weniger komfortablen Erwerbsminderungsrenten durchs Leben schlagen. Von den ungeschmälerten Altersbezügen ab 63 Jahren profitieren in erster Linie jene Älteren, die bis eben noch weitgehend fit im Erwerbsleben gestanden haben. Das zeigen einschlägige Untersuchungen.

Gleichwohl ist das Jammern der Wirtschaft nur bedingt nachvollziehbar. Schließlich hat man dort über Jahrzehnte geradezu einen Jugendwahn gepflegt. Alte Beschäftigte raus, junge rein. Und es ist ja auch nicht so, dass sich die Arbeitgeberseite von dieser Praxis selbst verabschiedet hätte. In der Metall- und Elektroindustrie zum Beispiel gelten nach wie vor Tarifverträge mit Frühverrentungsklauseln wie etwa dem Block­arbeitszeitmodell. Dabei wird in einer ersten Phase weiter in Vollzeit, aber zu geringerem Lohn gearbeitet, um später in eine bezahlte Freistellungsphase zu gelangen, der sich der frühestmögliche Renteneintritt anschließt. Solche Tarifverträge tragen auch die Unterschrift der Arbeitgeber. Hinzu kommt, dass die abschlagsfreie Rente ab 63 auf längere Sicht an Bedeutung verlieren wird. Denn auch hier ist die schrittweise Anhebung des Zugangsalters schon voll im Gange. Gegenwärtig liegt die Schwelle zur Inanspruchnahme bei 63 Jahren und acht Monaten. Wer zum Beispiel im Jahr 1958 geboren ist, kann als besonders langjähriger Versicherter erst mit 64 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen.

Die gesetzliche Frühverrentung ist also keineswegs die Ursache des Fachkräftemangels. Aber Vorschub geleistet wird ihm damit schon. Nicht wenige Betriebe haben sich inzwischen durchaus darauf eingestellt und werden aktiv. Indem sie vormaligen Mitarbeitern zum Beispiel Honorarverträge anbieten. Ein Teil der Vorruheständler bleibt den Unternehmen so zumindest eingeschränkt erhalten. Wieder andere ehemalige Beschäftigte suchen sich einen Mini-Job. Weniger wegen des Geldes, sondern eher, um den Kontakt zur Arbeitswelt nicht abrupt zu verlieren. Denn eines ist doch klar: Wer die Frührente in Anspruch nimmt, verzichtet bewusst auf den weiteren Bezug seines in aller Regel höheren Lohns. Und er lässt zusätzliche Rentenansprüche sausen. Nur muss man sich das eben auch leisten können.

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