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Leitartikel: Ab jetzt borgen wir bei unserem Planeten

Leitartikel : Ab jetzt borgen wir bei unserem Planeten

Wendetage haben Symbolcharakter. Ein solches Datum ist der Erdüberlastungstag. Der gibt an, wie viel unserer Ressourcenentnahme der Erde nachhaltig ist und ab wann wir unseren Planeten überlasten. Es sollte ein Warntag sein, zumal er mit Ausnahme des vergangenen Jahres von Mal zu Mal früher im Jahr zu vermelden ist.

Eines ist klar: Menschliche Tätigkeit verändert die Erde. Der Anbau in der Landwirtschaft, der weltweite Fischfang, die Förderung von Öl, Gas, Metallen und Seltenen Erden, der Bau von Häusern, Infrastruktur und Fabriken sind nicht zum Nulltarif zu haben. Das alles bindet knappe Ressourcen, setzt schädliche Stoffe frei und stört die natürlichen Kreisläufe. Gleichzeitig schafft menschliche Tätigkeit Wohlstand und Gesundheit, wenn auch nicht alle Menschen davon annähernd angemessen profitieren. Es geht also darum, das Streben nach Wohlstand zu verbinden mit einer Form des Wirtschaftens, die die Erde nicht irreparabel schädigt. Der Erdüberlastungstag gibt das Datum an, ab dem das unwiederbringlich passiert.

Gleichwohl wollen wir nicht auf Wohlstand verzichten. Und in vielen Teilen der Erde, auch bei uns, leben Menschen teilweise am Rand des Existenzminimums, sind Krankheiten und Unterernährung ausgesetzt und leiden stärker als andere unter Umweltzerstörung und Klimakatastrophen. Hier müssen wir ansetzen, wenn wir die Bilanz wieder in Ordnung bekommen wollen. Das Corona-Jahr 2020 hat den Erdüberlastungstag um drei Wochen auf den 22. August nach hinten geschoben. Eine kleine Pause für die erschöpfte Erde. Aber die Pandemie war dafür ein zu hoher Preis. Mit Technologie und wissenschaftlicher Erkenntnis ist der Mensch selbst in der Lage, nachhaltig zu wirtschaften und trotzdem nur teilweise verzichten zu müssen. Gefragt ist die Bereitschaft zur Änderung des eigenen Verhaltens und der Akzeptanz, dass Umweltschutz kostet. Mal auf die kurze Flugreise zu verzichten oder das Auto stehen zu lassen, ist eine Form, nachhaltiger zu leben. Die bessere ist aber, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass wir uns mit menschlicher Intelligenz und Erfindungsgeist einen Weg bahnen, die endlichen Ressourcen der Erde zu schonen.

Es geht also darum, den Schuldenberg bei unserem Planeten abzubauen oder zumindest nicht weiter ansteigen zu lassen. Ökonomisch gesprochen müssen wir dafür den Preis der Naturnutzung erhöhen, so weh das im Einzelnen auch tut. Höhere Spritpreise, bessere Kreisläufe, neue Materialien, veränderte Energieerzeugung gehören dazu. Aber nicht nach einem von wenigen Klugen erdachten Masterplan, sondern nach entsprechenden ehrlichen ökologischen Preisen als Wegmarken. Dann kann der Einzelne entscheiden, ob er neue Wege gehen will oder für die Beanspruchung der Erdressourcen und damit deren Reparatur mehr bezahlt. Das alles natürlich unter der Bedingung, dass niemand essenziell überfordert wird. Das wird die Regierungskunst der nächsten Jahre weltweit sein – in Deutschland besonders nach der Bundestagswahl.