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Kritik an Impfstrategie der EU: Vorsicht mit Schuldzuweisungen

Ktitik an EU-Impfstrategie : Vorsicht mit voreiligen Schuldzuweisungen

Der Fall Astrazeneca ist ein Skandal. Das Impfstoffdesaster ist aber das Desaster eines unverantwortlich handelnden Unternehmens, die EU muss es nur ausbaden. Brüssel hat dem Unternehmen 336 Millionen Euro gegeben, damit es die Produktion aufbauen kann.

Dass es sich jetzt nicht an Zusagen halten will und andere Kunden privilegiert, ist nicht zu rechtfertigen. Damit war auch nicht zu rechnen: Der Vertrag wurde mit einem namhaften Pharmaunternehmen abgeschlossen und nicht mit einem kleinen Drogenhändler am Bahnhof.

Den Stab über die EU-Impfstrategie zu brechen, ist fehl am Platze. Aus medizinischer Sicht müssen die Bürger wenig Sorgen haben. Es werden in den nächsten Monaten mehr als genug Impfdosen für alle da sein. Die EU hat für 450 Millionen Menschen 2,3 Milliarden Dosen bestellt. Das ist ein Vielfaches dessen, was gebraucht wird. Und: Mit jeder Zulassung eines neuen Vakzins zeichnet sich ab, wie richtig sie lag, als die EU aus einer dreistelligen Anzahl von Impfkandidaten sechs Partner auswählte. Die Risiken und Chancen waren gut gestreut. Es wurden Verträge mit so unterschiedlichen Herstellern abgeschlossen wie Start-ups und Pharmariesen. Die einen sind mit konventionellen Methoden zum Erfolg gekommen wie Astrazeneca, die anderen mit einer revolutionär neuen Technologie wie Biontech.

Es darf nicht vergessen werden: Es ist kein Zufall, dass die Impfstoffe, die dem Massensterben Einhalt gebieten werden, maßgeblich in Europa entwickelt wurden. Es waren deutsche Forscher, die die neue mRNA-Technologie aus der Krebsforschung auf die Covid-Bekämpfung übertragen haben. Sie haben als erste den Impfstoff entwickelt, der eine sensationell hohe Wirksamkeit von über 90 Prozent hat. Möglich war dieser bahnbrechende Erfolg auch, weil Europa die Technologie schon seit Jahren fördert.

Im Juni hat die Europäische Investitionsbank (EIB) Biontech noch einmal einen Kredit von 100 Millionen Euro zum Aufbau der Produktionskapazitäten gegeben. So schlecht wie allenthalben behauptet kann es also um den Wissenschaftsstandort Europa nicht bestellt sein. Es war auch richtig, den gemeinsamen europäischen Ansatz bei der Bestellung und Beschaffung zu verfolgen. Wie man heute weiß, hätten die Europäer dafür vielleicht mehr Geld in die Hand nehmen müssen. Es bleibt richtig, dass die Europäer an einem Strang gezogen haben. Die EU hat in der ersten Welle der Pandemie in den Abgrund geblickt: Deutschland erließ rechtswidrig Exportverbote, und in Norditalien starben die Ärzte, weil keine Masken da waren.

Die politischen Folgen wären fatal gewesen, wenn sich die wirtschaftlich mächtigen EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich den Impfstoff gesichert hätten und die kleineren Nachbarländer leer ausgegangen wären. Ein Impfnationalismus auf EU-Ebene, wie er jetzt zwischen London und Brüssel tobt, hätte das Zeug gehabt, die EU zu spalten. Deutsche Politiker sind häufig stolz auf die Dinge, die laufen, und machen Brüssel für alles verantwortlich, was schiefgeht. Mit dieser Aufgabenteilung sollte endlich Schluss sein. Spätestens in einigen Monaten wird klar sein: Die Operation Impfen muss als einer der ganz großen Erfolge in der Geschichte der EU gelten.