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Kommentar zum Wahlkampf: Kanzlerkandidat Armin Laschet muss liefern

Wahlkampf : Laschet muss im Rennen ums Kanzleramt bald liefern

Armin Laschet ist mit der Methode Abwarten weit gekommen. Der ewig Unterschätzte wurde Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Danach räumte er bei CDU-Vorsitz und Kanzlerkandidatur Friedrich Merz und Markus Söder aus dem Weg.

Doch jetzt wird es für die Union langsam brenzlig. Das erklärte Wahlziel, keiner kann gegen CDU/CSU regieren, ist ernsthaft in Gefahr. Keine zwei Monate vor der Wahl stürzen die Beliebtheitswerte ihres Frontmannes ab. Die Gelegenheit, in der Flutkatastrophe zum unangefochtenen Landesvater und Krisenmanager aufzusteigen, ließ Laschet liegen. Hängen blieb ein Lachen.

Dazu kam ein Fehler in einem Buch aus seiner Zeit als Integrationsminister in Düsseldorf. Wie es scheint, bleibt Laschet hier eine unschöne Hängepartie womöglich erspart. Anders als Annalena Baerbock reagierte er sofort auf den Vorwurf. Er entschuldigte sich, ließ die Druckfahnen ins Internet stellen, damit sich jeder ein Bild machen kann. Einer der Top-Plagiatejäger im deutschsprachigen Raum hat dies getan. Er entlastet jetzt den Kanzlerkandidaten. In dem 2009 verfassten Werk „Die Aufsteigerrepublik“ gebe es keine einzige Stelle, die als Plagiat verdächtig sei. Der erhobene Täuschungsvorwurf sei völlig überzogen. Für Laschet mag das ein kleiner Erfolg sein. Die wahren Probleme der Union liegen woanders.

Das Wahlprogramm ist solide, aber kein Gassenhauer. Vielmehr vergeht keine Woche, in der Söder die CDU-Strategie und Laschet nicht madig macht. Dieser müsse raus aus der Komfortzone. Hört sich so die viel beschworene Einheit der Union an? Aus den Angriffen spricht verletzter Stolz des unterlegenen CSU-Chefs. In der Sache hat der Franke einen Punkt. Laschet muss jetzt Inhalte liefern, auch mal ins Risiko gehen. In Warschau hat er einen Anfang gemacht, den Zusammenhalt Europas (mit den unbequemen Polen und Ungarn) als wichtigste Antwort auf die neue Weltordnung unter chinesischer Prägung verortet. Davon mehr! Wie geht Klimaschutz mit bezahlbarem Ökostrom, ohne massenhaft Industriearbeitsplätze zu verlieren? Das betet ein NRW-Regierungschef doch Tag und Nacht aus dem Effeff herunter. Oder die Innere Sicherheit. Corona hat Gefahren verdeckt, etwa Hunderte islamistische Gefährder, die nicht abgeschoben werden können. Hier könnte die Union im Wahlkampf leicht Stimmenbeute machen. Und sich nebenbei von der Lindner-FDP abgrenzen, die sehr erfolgreich im schwarzen Becken fischt.

Aus der CDU heißt es, es werde schon noch einen pointierten Endspurt im Wahlkampf geben. Doch Vorsicht: In zwei Wochen liegen erste Briefwahlunterlagen in der Post. Millionen Wähler könnten sich lange vor dem Wahltag am 26. September entschieden haben. Armin Laschet sollte keine Zeit verlieren, wenn er die bürgerliche Mitte aus eigener Kraft und nicht nur aus Sorge vor einer Ampel mobilisieren will. Im Kampf um den CDU-Vorsitz soll der Aachener einmal gesagt haben: „Es kann sein, dass ich am Ende übrig bleibe.“ Beim Kanzleramt sollte er sich auf diese selbsterfüllende Prophezeiung allein nicht verlassen.