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Kommentar: Den Corona-Schreihälsen nichtd auf den Leim gehen

Proteste gegen Pandemie-Maßnahmen : Den Corona-Schreihälsen nicht auf den Leim gehen

Die Proteste gegen die Corona-Einschränkungen sind eher ein Wind, noch kein Sturm. Die Politik muss sich aber erklären, ohne den Verschwörungstheoretikern hinterherzulaufen.

Das vorweg: Laut jüngsten Umfragen hält nach wie vor die überwältigende Mehrheit der Bürger das Vorgehen von Bund und Ländern in der Corona-Krise für richtig. Auch das Vertrauen in die Kanzlerin ist weiterhin groß, obwohl Angela Merkel das Zepter von den Ministerpräsidenten aus der Hand genommen worden ist. Die Corona-Proteste sollte man daher zunächst als das einordnen, was sie zum jetzigen Zeitpunkt noch sind: Ein erster, starker Windzug, aber lange noch kein Sturm, der über Deutschland hinwegfegt. Zwar sind die Widerstände teilweise aggressiv und laut, doch davon darf man sich erst recht nicht beindrucken lassen.

Je klarer die Folgen des so genannten Lockdown allerdings werden, der angesichts der Aufhebung vieler Einschränkungen längst keiner mehr ist, desto mehr Bürger hinterfragen, was Bund und Länder im Kampf gegen das Virus auf den Weg gebracht haben. Denn es gibt genügend Menschen, die existenziell oder psychisch nicht mehr können. Die die Beschneidung ihrer Grundrechte nicht länger akzeptieren wollen, weil sie auf dem Boden der Verfassung stehen. Lockerungen besänftigen da kaum, sondern sie erhöhen offensichtlich nur die Diskussionsbereitschaft untereinander.

Die Debatten um das Vorgehen der Regierung sind auch richtig und notwendig, weil sie Ausdruck einer kritischen Gesellschaft sind. Nur einen Fehler darf man nicht machen: Denen auf den Leim zu gehen, die die Proteste unterwandern und lediglich instrumentalisieren wollen – wie etwa Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretiker. Das ist auch eine Aufforderung an die Medien, nicht jedem Ex-Vegan-Koch, Fernsehtänzer oder Schnulzensänger das Mikro unter die Nase zu halten, damit er seinen Unsinn in die Welt posaunen kann. Am 15. Mai sollten übrigens die dunklen Mächte der großen Weltverschwörung ihre Masken abnehmen. Passiert ist rein gar nichts. Also runter mit dem Aluhut.

Die Proteste sind auch aus einer Art Paradoxon entstanden. Denn aus dem Erfolg der Maßnahmen, viel weniger Kranke und Tote, ergeben sich zugleich die Fragen: Waren sie überhaupt notwendig? Ist das Virus gar nicht so schlimm? Der Blick in andere Länder und auf die schlimmen Zustände dort sollte die Zweifler zumindest nachdenklich machen. Auf diese Unsicherheiten muss die Politik jetzt aber reagieren. Fakt ist: Wer nun aus Angst vor den Populisten politisch zurückfällt in alte Muster, nämlich Sprache und Forderung der Schreihälse einfach zu übernehmen, der wird die Bürger auf dem weiteren Weg durch die Corona-Krise verlieren. Das hat sich in der Flüchtlingsfrage gezeigt. Da redete beispielsweise die CSU am Ende wie die AfD – die Quittung gab es bei den bayerischen Landtagswahlen 2018.

Wenn man jedoch mit den Menschen vernünftig kommuniziert, ihnen die Lage und die Schritte, die man unternimmt erklärt, dann entwickelt sich auch das Vertrauen in die politisch Handelnden. Das hat der Beginn der Krise gezeigt. So muss es weitergehen. Auch und wieder mehr durch die Kanzlerin.