Höherer Frauenanteil in deutschen Vorständen: Jubeln werden wir später

Leitartikel : Gleichberechtigung fällt leider nicht vom Himmel

Kein Grund zum Jubeln, aber Anlass zur Hoffnung. Dass in den deutschen Topetagen im Jahr 2019 schon mehr als doppelt so viele Frauen saßen wie 2015, ist eine gute Nachricht.

Genauso gut etwa wie die Nachricht, dass Frauen in Saudi-Arabien mittlerweile auch Auto fahren dürfen. Mit anderen Worten: Das kann doch bitte nur der Anfang sein!

Bevor der Bundestag 2015 die Frauenquote für Aufsichtsräte auf den Weg brachte, hatte man lang und breit über die Sinnhaftigkeit von Quoten diskutiert. Immer wieder danach gefragt, ob Quoten tatsächlich zu mehr Gleichberechtigung führen. Es wäre schön und einfach, das mit einem klaren Ja beantworten zu können. Aber leider sind die Strukturen komplexer. Der Prozess, der Frauen und Männer zu Akteuren auf Augenhöhe macht, hängt an vielen Faktoren, die nicht ausschließlich in der Unternehmens- und Arbeitswelt ihren Ursprung haben. Auch Forschungsbefunde zu Parlamentsquoten in Afrika zeigen, dass eine höhere Frauenquote nicht automatisch zu mehr Gleichstellung führt. Was sich aber definitiv sagen lässt: Die Quote hilft. Der Anteil der Frauen in den Vorständen ist vor allem in jenen Konzernen gestiegen, die seit 2016 eine 30-Prozent-Quote in Aufsichtsräten erfüllen müssen.

Nicht zu unterschätzen ist auch der Effekt der geschaffenen Öffentlichkeit. Er führte mitunter dazu, dass ein bei Frauen so beliebtes Unternehmen wie Zalando seit neuestem auch Frauen im Vorstand dulden will. Dort sitzen nämlich bislang fünf Männer. Und bis zuletzt hatte der Konzern sich „null Prozent Frauen im Vorstand“ öffentlich zum Ziel gesetzt. Blöd nur, dass das so öffentlich war, dass auch Kundinnen es mitbekamen und drohten, das Konzernangebot zu boykottieren. Daraufhin ruderte Zalando zurück und will nun bis Ende 2023 für ein „ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen auf den sechs obersten Führungsebenen“ sorgen. Geht doch. Schade, dass es immer noch so viel Druck bedarf. Druck von außen – und Gunst im Innern. Denn das ist leider auch Fakt: Wenn Frauen aufsteigen wollen, sind sie in den meisten Fällen immer noch darauf angewiesen, dass es ein männlicher Entscheider gut mit ihnen meint. Oder dass einfach gerade kein geeigneter Mann zur Stelle ist. Frauenförderung nach dem Motto: Es ist ja sonst keiner da.

Und dass sich Frauen – auch und vor allem in der Arbeitswelt – immer noch Fragen und Kommentare gefallen lassen müssen, in denen ihre Kompetenz entweder angezweifelt oder besonders gelobt wird, ist ebenfalls Realität. Neulich berichtete eine befreundete Maschinenbauingenieurin davon, dass sie im Vorstellungsgespräch gefragt wurde, ob sie sich überhaupt zutraue, mit so vielen Männern an einem Verhandlungstisch zu sitzen.

Die Gleichberechtigung fällt also leider nicht vom Himmel. Es ist ein gesamtgesellschaftlicher, langwieriger Prozess. Erst dann, wenn es keiner Quote mehr bedarf und keiner frustrierenden Debatte mehr über die Rolle von Frauen in Großkonzernen, gibt es auch einen Grund zum Jubeln. Und zwar für Männer und Frauen gleichermaßen.