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Flughafen BER geht in Betrieb: Erst ewige Baustelle, nun durch Corona viel zu groß

Flughafen BER geht in Betrieb : Erst ewige Baustelle, nun durch Corona viel zu groß

Die Zahl der Witze über den Berliner Großflughafen ist Legion. Jahrelang mussten sich die Berliner im In- wie im Ausland als Planungsdeppen der Nation vorführen lassen. Sie verwiesen dann regelmäßig auf Stuttgart 21 oder die Hamburger Oper, wo es auch nicht besser und billiger lief.

Stimmt, wo der Staat baut, herrscht Murks. Nicht immer, aber oft. Auch der Bund bildet da keine Ausnahme.

An der Erweiterung des weniger als ein Zehntel so großen Marie-Elisabeths-Lüders-Hauses des Bundestages im Berliner Stadtzentrum wird zum Beispiel seit 2010 gewerkelt, Ende nicht absehbar. Wohl aber verdoppelte Kosten. Und es liegt nicht an den Menschen. Als der große Wirtschaftszampano Hartmut Mehdorn die Berliner Flughafenbaustelle 2013 übernahm, wurde es nur chaotischer. Erst der brave Beamte Engelbert Lütke Daldrup, zuvor Staatssekretär im Bauministerium, brachte Ordnung in die Sache und das Werk zu Ende.

Es liegt an Strukturen. Sechs statt ursprünglich zwei Milliarden Euro kostet der neue Airport nun komplett, und wenn es etwas Positives daran gibt, dann, dass das hoffentlich Lehrgeld für andere Staatsvorhaben ist. Klare Verantwortlichkeiten, effektives Controlling, realistische Kostenansätze und ebensolche Zeitpläne. An all dem hat es bei dem Projekt vor den Toren Berlins gefehlt. Dort haben viele Köche den Brei verdorben, die wechselnden Politiker von drei beteiligten Regierungen und die privaten Baugesellschaften, die die organisierte Verantwortungslosigkeit für beispiellose Schlampereien ausnutzten. Schon die Standortentscheidung für Schönefeld im Jahr 1996 war ein Akt politischer Willkür, gegen das Ergebnis des Raumordnungsverfahrens. Damit begann der Schlamassel.

Nun ist er da, der Flughafen, der Willy Brandts Namen trägt, und der Spruch, dass Menschen eher auf dem Mars landen werden als hier, stimmt ab diesem Samstag nicht mehr. Nur ist jetzt alles ganz anders als noch beim Spatenstich im Jahr 2006 erwartet und erträumt. Mitten drin in der Endlosbauzeit, ungefähr nach der dritten von sieben Verschiebungen der Eröffnung, hieß es plötzlich, der Airport werde schon vor seiner Inbetriebnahme viel zu klein sein. Hastig wurde an den unfertigen Koloss angebaut, doch jetzt, da es losgeht, ist alles plötzlich wieder viel zu groß. Corona hat dazwischengefunkt. Bis 2023, 2024 wird sich das Flugverkehrsaufkommen kaum wieder normalisieren. Aber ist das überhaupt wünschenswert? Viele Geschäftsleute ersetzen Dienstreisen durch Videokonferenzen, und Fridays for Future macht moralischen Druck auf gedankenlose Mallorca-Flieger.

Die Zeiten haben sich geändert. 25 Jahre Planung und Bau sind eben irre lang. Der BER wird zwar vom Start weg der drittgrößte deutsche Flughafen sein, aber keine internationale Drehscheibe. Dagegen spricht schon das Nachtflugverbot. Seine Wachstumsaussichten sind auf mittlere Sicht bescheiden. Und das ist, um mit einem der damaligen Spatenstecher, Berlins früherem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, zu sprechen, wahrscheinlich auch gut so.