1. Nachrichten
  2. Meinung
  3. Leitartikel

Donald Trumps beispielloser Affront bei einer Präsidentenwahl in den USA

Trump erklärt sich vorzeitig zum Gewinner : Verhalten spricht Bände über Egozentriker im Weißen Haus

Alles ist offen. Wer die Präsidentschaftswahl in den USA gewinnt, entscheidet sich wohl in den drei Staaten des Rostgürtels der alten Industrie, die 2016 von den Demokraten ins Lager Donald Trumps gewechselt waren.

Gehen Michigan, Pennsylvania und Wisconsin an den republikanischen Amtsinhaber, ist seine Wiederwahl besiegelt. Hat Joe Biden im Rust Belt die Nase vorn, dürfte er der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein. Beide Szenarien sind, Stand Mittwoch, noch möglich. Weshalb das einzig Richtige ist, solange zu warten, bis Millionen nicht ausgezählter Briefwahlstimmen berücksichtigt sind.

Genau das lehnt Donald Trump ab – was einmal mehr seine autokratischen Neigungen zeigt. In dem von ihm gezeichneten Zerrbild kann eine Wahl nur gefälscht sein, wenn er sie verliert. So mögen es Diktatoren sehen, die sich an die Macht klammern. In den Vereinigten Staaten von Amerika schien es noch vor Jahren undenkbar, dass der eigene Staatschef eine solche Attacke gegen die Demokratie reitet.

Wie Trump seinem Kontrahenten Biden bei einem nächtlichen Auftritt Betrugsmanöver unterstellte, für die es keinerlei Belege gibt, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen. Er will sich der juristischen Brechstange bedienen, statt in Bundesstaaten, in denen das Rennen noch nicht entschieden ist, die Auszählung aller Stimmen abzuwarten. Vor allem der Briefwahlstimmen, die womöglich zu seinem Nachteil ausschlagen.

Seit seinem Einzug ins Weiße Haus hat er es darauf angelegt, die Institutionen der „checks and balances“ systematisch zu schwächen. Institutionen, die seit über 200 Jahren verhindern, dass der mächtigste Mann der Welt zum Despoten wird. So aggressiv wie jetzt hat er die Axt allerdings noch nie an die Wurzel dieses uralten Baums gelegt. Und das in einer Stunde, in der Geduld gefragt wäre, in der Appelle zur Besonnenheit angebracht wären, damit sich das angestaute Konfliktpotenzial zwischen Anhängern und Gegnern des Präsidenten nicht in Unruhen entlädt.

Dabei hätte Trump allen Grund gehabt, das Zwischenergebnis der Präsidentschaftswahl mit souveräner Zufriedenheit zu quittieren. Die große Abrechnung mit ihm ist ausgeblieben, sein Versagen beim Corona-Krisenmanagement ist ihm nicht zum Verhängnis geworden. Bei der Hälfte des Wahlvolks konnte er punkten mit der von ihm so blumig beschworenen Aussicht auf einen steilen wirtschaftlichen Aufstieg nach dem Ende der Epidemie.

Wenn es um die Ökonomie geht, halten viele seiner Landsleute den ehemaligen Unternehmer offensichtlich für den Kompetenteren als Biden, der seit seines Berufslebens Politiker war. Trump hätte sich zurücknehmen und den Ausgang des Rennens abwarten können, eines Rennens, das er womöglich nach den Spielregeln der Demokratie, ohne Tricks, als Erster beendet. Dass er dazu nicht in der Lage ist, spricht Bände über den Egozentriker im Weißen Haus.