Der Diesel steht zu Unrecht als Sündenbock am Pranger

Ende einer Ära? : Scheinheilige Debatte um den Diesel-Motor

Ist der Diesel noch zu retten? Während morgen Politiker und Autoindustrie über die Zukunft der Antriebstechnik diskutieren, haben die Autokäufer ihre Entscheidung bereits getroffen: Für Juli meldet das Kraftfahrtbundesamt einen Rückgang von neun Prozent bei den Diesel-Neuzulassungen, im Mai waren es sogar dramatische 19 Prozent. Der Diesel-Motor steht offensichtlich für die Käufer als Synonym für Dreckschleuder und Luftverpester. Und wer Fahrverbote fürchten muss, entscheidet sich doch lieber für eine andere Technik.

Dabei steht der Diesel zu Unrecht am Pranger der Nation. Sicher, die Autoindustrie hat bei den Abgaswerten getrickst und geschummelt. Sie hat Betrugssoftware eingebaut, um die geforderten Grenzwerte zu erfüllen. Die Industrie ist in der Pflicht, hier nachzubessern. Doch beispielsweise die hohe Feinstaubbelastung am Stuttgarter Neckartor, die immer wieder als Argument gegen die Diesel-Technik ins Feld geführt wird, ist gerade nicht ursächlich auf den Diesel-Motor zurückzuführen. Gerade mal sechs bis acht Prozent der Feinstaub-Belastung in den Städten kommt aus dem Auspuff. Der Rest geht auf Reifen- und Bremsabrieb sowie auf den aufgewirbelten Staub zurück. Wer die Feinstaubbelastung wirklich verringern will, müsste also den Autoverkehr weitgehend untersagen sowie mehrfach täglich die großen Durchgangsstraßen mit Wasser benetzen.

Überhaupt: Was ist denn bitte die Alternative zum Diesel? Benziner, die bei den Abgasen nur wenig besser dastehen? Zwar stoßen sie weniger Stickoxide aus, doch beim Klimakiller CO2 macht der Diesel eine deutlich bessere Figur. Oder E-Fahrzeuge, für deren Batterien schon jetzt die Rohstoffe knapp sind, vom benötigten Strom ganz zu schweigen? Wasserstoff-Fahrzeuge, deren Treibstoff auch erst energieaufwändig erzeugt werden muss? Fakt ist: Aktuell gibt es für die Verbrenner kaum eine Alternative.

Überhaupt ist die Diskussion über den Diesel scheinheilig. Wenn es nämlich wirklich so ist, dass sich die Deutschen solche Sorgen um saubere Luft machen, warum steigen gerade die Zulassungszahlen für die schweren SUVs im deutlich zweistelligen Bereich? Ist es möglicherweise so, dass den Deutschen der Fahrspaß am Ende doch wichtiger ist als die Luftreinheit?

Letztlich ist es ein gesellschaftliches Problem: Wie viel Bequemlichkeit und Mobilität wollen wir? So lautet die entscheidende Frage. Und es geht ja über den Diesel weit hinaus: Rasenmäher, Mofas, Kettensägen, aber auch Flugzeuge und Schiffe – sie alle verpesten die Luft. Nur wer Verzicht übt, trägt wirklich zum Umweltschutz bei.

Natürlich gäbe es von politischer Seite eine einfache Steuermöglichkeit: Ein Benzinpreis von fünf oder mehr Euro bei gleichzeitigem Ausbau des ÖPNV, wie schon einmal von den Grünen gefordert, würde den Verkehr sicher reduzieren. Doch das ist im Autoland Deutschland undenkbar – und auch industriepolitisch unsinnig. Also bleibt es beim Diesel als Bauernopfer. Eine billige Gewissensberuhigung.

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