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Baerbock braucht Habeck für Weg ins Kanzleramt

Bundesparteitag der Grünen : Baerbock braucht Habeck für den Weg ins Kanzleramt

Wenn man so will, kann man Annalena Baerbock nach Ende ihrer Rede auf dem Parteitag der Grünen gleich die nächste Panne attestieren. Sie raunte ihrem Co-Vorsitzenden Robert Habeck das Wort „Sch…“ zu, da war das Mikro noch offen.

Kann passieren, aber der Fauxpas hat ein wenig den Versuch eines Neustarts überschattet. Oder neuen Aufbruchs, wie Baerbock vom Podium aus rief.

Das Wort dürfte wohl zutreffend für den bisherigen Verlauf ihrer Wahlkampagne sein, die schneller entgleist ist als vor vier Jahren der „Zug“ von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Freilich zeigt der verbale Ausrutscher, der im Netz mal wieder genüsslich seziert worden ist, noch etwas anderes - und zwar etwas Positives: Erstens ist Baerbock zur Selbstkritik in der Lage, was vielen Spitzenpolitiken nicht mehr gelingt. Zweitens ist das Vertrauen zu Habeck nach wie vor so groß, dass man sich auch nach der für ihn harten K-Entscheidung Fehler eingestehen kann. Für die nächsten Wochen des Wahlkampfes ist das ein Pfund. Eine solche Szene wäre jedenfalls zwischen CSU-Chef Markus Söder und dem CDU-Vorsitzenden Armin Laschet undenkbar.

Manch einer glaubt bei den Grünen inzwischen, dass doch Habeck der bessere Kandidat gewesen wäre – auf dem Parteitag hat er mit seiner fulminanten, frei gehaltenen Ansprache die Partei zusammengeführt und programmatisch viel klarer verortet als später Baerbock. Ihre Rede war eher Durchschnitt, keine Kanzlerinnenrede. Damit ist aber auch klar: Baerbock alleine dürfte den Wahlkampf nicht stemmen und das Ruder wieder herumreißen können. Dafür ist sie inzwischen zu angeschlagen, was man ihr angemerkt hat. Ihre Unbekümmertheit ist unter den vielen Pannen verschüttgegangen.

Sie braucht daher jetzt dringend die Arbeitsteilung mit dem populären Habeck. Das hat der Parteitag auch glasklar so gewollt. Wobei zur Wahrheit gehört, dass der Co-Chef mit seiner öffentlichen Trauerarbeit und seinem außenpolitischen Fehltritt bei Waffenlieferungen an die Ukraine nicht unerheblich zum Absturz der Grünen beigetragen hat. Erst in den nächsten Wochen wird sich jedenfalls zeigen, ob über das Zusammenwirken der beiden die Grünen ihr Ziel, das Kanzleramt erobern zu wollen, aufrechterhalten können. Oder ob sie nicht doch eher die Regierungsbeteiligung in den Vordergrund stellen müssen.

Baerbocks Rede ist das eine, da kann man in den 100 Tagen bis zur Bundestagswahl noch dran arbeiten. Das Programm ist das andere. Der Vorstand hat sich an vielen Stellen durchgesetzt und allzu  abschreckende Verschärfungen unter anderem in der Klimapolitik abgewendet. Inhaltlich haben die Grünen ihren Anspruch, eine bürgerliche Kraft zu sein, untermauert – und sie sind kompatibel zu breiteren Bevölkerungsschichten geblieben. Wenn die Union entschieden hat, liegen nächste Woche alle Programme vor. Erst dann lässt sich tatsächlich sagen, welche Konzepte zueinander passen, was passend gemacht werden könnte und was nicht. Erst dann beginnt die wirklich heiße Phase des Wahlkampfes – auch für Baerbock.