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Streit um Glyphosat auf den Feldern: Ackerbau ohne Gift sollte uns höhere Preise wert sein

Streit um Glyphosat auf den Feldern : Ackerbau ohne Gift sollte uns höhere Preise wert sein

Wie lange soll das Pflanzengift Glyphosat noch eingesetzt werden? Auch gestern konnten die EU-Länder sich nicht auf eine Verlängerung der Zulassung einigen. Nun muss die EU-Kommission entscheiden, ob Glyphosat noch weitere fünf bis sieben Jahre eingesetzt werden darf. Mitte Dezember läuft die bisherige Genehmigung aus.

Im Streit um das Gift aus dem Hause Monsanto stehen Ex­trem-Positionen gegenüber. Hier die Befürworter, die in Glyphosat nur den hocheffizienten Unkrautvernichter sehen, der Bauern das Leben leichter macht, dort die Gegner, für die Glyphosat ein extrem gesundheitsgefährdendes Gift ist.

Ersteres ist unstrittig. Bauern, die ihre Äcker mit Glyphosat unkrautfrei spritzen, brauchen nicht zu pflügen – ebenfalls ein umstrittener Eingriff in die Natur – und können sofort mit der nächsten Aussaat beginnen. Bei der Frage der Gesundheitsgefährdung gibt es höchst unterschiedliche Einschätzungen. Während die Internationale Krebsforschungsagentur IARC, eine Tochter der Weltgesundheitsagentur WHO, das Mittel als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft, geht das Bundesinstitut für Risikobewertung davon aus, das Glyphosat wahrscheinlich nicht krebserregend ist. Und auch die Europäische Lebensmittelbehörde hat dem Pflanzengift einen Gesundheitsfreibrief erteilt. Allerdings stützen sich alle Institute auch auf wissenschaftliche Arbeiten, die teilweise von Monsanto finanziert wurden. Eine Studie des Bundes Naturschutz vor vier Jahren hatte Glyphosat bei 70 Prozent der Testpersonen im Urin nachgewiesen. Auch wenn es nicht krebserregend ist – offen ist, welche Wirkungen es auf den sensiblen Hormonhaushalt des Menschen hat.

Letztlich geht es darum, die Diskussion auf eine gesellschaftliche Ebene zu heben: Wie viel Gift wollen wir als Gesellschaft noch auf unseren Äckern, in unseren Gärten, in unserem Essen tolerieren. Und welche Risiken wollen wir eingehen. Der Saarländische Umweltminister Reinhold Jost (SPD) hat für Glyphosat die Devise ausgegeben: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Aber wie viel ist wirklich nötig? Öko-Bauern zeigen, dass auch ein Totalverzicht möglich ist. Gerade das Saarland ist hier Vorreiter: 15 Prozent der Flächen werden ökologisch bearbeitet. Und im Berchtesgadener Land hat eine Genossenschaft von 1800 Betrieben beschlossen, auf das Gift zugunsten der Natur zu verzichten.

Möglich ist dieser Verzicht – unter der Bedingung dass die Bürger dann auch bereit sind, mehr für ihre Lebensmittel auszugeben. Denn die Bauern arbeiten am Rande der Wirtschaftlichkeit. Und Glyphosat spart Kosten.

Es ist aber auch eine Frage über die Zukunft unserer Natur: Schließlich vernichtet das Gift nicht nur Unkraut, sondern auch viele sensible Ackerkräuter wie Kornblume und Mohn. Und damit für Insekten wichtige Blühpflanzen. Erst kürzlich hat eine Studie mit dem Ergebnis aufgeschreckt, dass die Zahl der Insekten in 30 Jahren über 75 Prozent zurückgegangen ist. Auch wegen des Einsatzes von Insektengiften. Das zeigt: Die Debatte darf bei Glyphosat nicht aufhören.