Abschied von Greweing: Völklinger Weltkulturerbe verliert Erfolgsmotor

Leitartikel : Völklinger Weltkulturerbe verliert seinen Erfolgsmotor

Niemand ist unersetzlich, selbst Meinrad Maria Grewenig (64) nicht, seit 20 Jahren Erfolgs-Motor des Völklinger Weltkulturerbes, des touristischen Premium-Produktes des Landes. Besser als dieser Marketingmeister, dessen jedermannsgeneigte Ausstellungen die Massen begeisterten und die Industriekultur-Puristen empörten, kann man es kaum machen.

Schlechter allerdings jederzeit, das weiß auch die Landesregierung. Trotzdem will sie, dass es ein Nachfolger jetzt irgendwie „anders“ macht in Völklingen. Einen konzeptionellen Kompass dafür hat sie nicht. Offensichtlich soll Grewenigs Nachfolger den Weiterentwicklungsplan ins Amt mitbringen. Bequemer kann es sich ein Kultusminister kaum machen.

Ende der Woche schickt Ulrich Commerçon (SPD) Grewenig, der gerne weitergemacht hätte, aufs Altenteil. Nach einer jahrelangen unverantwortlichen Hängepartie in dieser so herausragenden Personalfrage. Schließlich inszenierte Commerçon die Vertrags-Nichtverlängerung als einen Akt der Disziplinierung wegen vermeintlicher Eigenmächtigkeiten des Weltkulturerbe-Chefs. Deshalb handelt das letzte Kapitel im Erfolgsbuch Grewenig von Diskreditierung und Demontage – und enthüllt kulturpolitisches Dilettieren.

Oder Machtkalkül? Denn mit Grewenig geht der Letzte einer Epoche, in der sich Direktoren und Intendanten noch auf Augenhöhe mit der Politik sahen, als deren anerkannter Sparrings-Partner, mit dem demokratischen Auftrag, sich kulturpolitisch einzumischen. Der frühere Staatstheater-Intendant Kurt-Josef Schildknecht zählte dazu. Menschen wie er und Grewenig haben ihren eigenen Kopf und wollen ihn durchsetzen, das führt zu öffentlichen Diskursen. Davon wird nach Grewenig gar nichts mehr bleiben. Er weigerte sich, das Weltkulturerbe als nachgeordnete Kultus-Behörde behandeln zu lassen. Dass Minister Commerçon nach eigener Aussage die Nachfolger-Suche „entspannt“ sieht, klingt vor diesem Hintergrund bedrohlich.

Trotz all dem lassen sich Argumente für einen Wechsel finden. Denn jawohl, sie war diskussionswürdig, Grewenigs Programmpolitik. Das Staunen über seine genialen Erfindungen „Urban Art“ und „Electromagnetic“ hielt nicht ewig, man hatte langsam genug von alten Kulturen und Gold. Grewenigs Name stand zunehmend eher für Routine denn für Innovatives oder Überraschendes. Zudem lieferte er eine offene Flanke für all jene, die dem „Variété-Direktor“ einen Mangel inhaltlicher Arbeit in Sachen Industriekultur vorwarfen.

Tatsächlich hat es Grewenig versäumt, einen der „spannendsten Orte der Welt“ zusätzlich auch im regionalhistorischen Mikrokosmos zu verankern, ihn zu einem Top-Standort für das spezifisch saarländische Erbe Kohle und Stahl zu machen. Just in dieses Themenfeld investierte Grewenig zu wenig Energie und Kreativität. Nicht auszuschließen, dass er es nach einer Vertragsverlängerung auch in diesem schwierigen Feld zum begnadeten Massenunterhalter hätte bringen können.

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