Flexibilität gilt nicht nur für die Arbeitnehmer : Flexibilität gilt nicht nur für die Arbeitnehmer

Noch nie zuvor war die Arbeitswelt in einem solch großen Umbruch. In den Betrieben halten immer mehr Roboter Einzug, die mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz immer mehr Aufgaben übernehmen können. Vorerst werden noch Menschen gebraucht, besonders für kompliziertere Tätigkeiten. Dafür fehlen jedoch schon heute in allen Branchen Fachkräfte, die solch anspruchsvolle Tätigkeiten erledigen können. Und dann geht bundesweit auch noch die Bevölkerung zurück, im Saarland besonders stark. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass immer mehr Unternehmen immer heftiger um gute Arbeitskräfte kämpfen müssen.

Weil sie diese Zusammenhänge kennt, weiß die mächtigste Einzelgewerkschaft IG Metall, dass sie mit ihrer Forderung, die Wochenarbeitszeit während der Dauer von zwei Jahren auf 28 Stunden verkürzen und danach wieder auf Vollzeit wechseln zu können, Gehör findet – nicht nur bei ihren über 2,3 Millionen Mitgliedern. Alleine schon das Rückkehr-Recht ist eine schwer verdauliche Kröte für die Arbeitgeber, denn ein solcher Anspruch besteht bisher nicht. Er soll sogar Gesetz werden. Einen Entgeltzuschuss für Arbeitnehmer, die in der Phase der reduzierten Arbeitszeit Kinder betreuen oder Familienangehörige pflegen, soll es auch geben.

Es steht die wohl heißeste Tarifrunde seit vielen Jahren bevor. Und es geht um ähnlich viel wie in den Achtziger Jahren, als die Gewerkschaft mit langen bundesweiten Streiks ihre Grundsatzforderung nach dem  Einstieg in die 35-Stunden-Woche erstritten hatte. Aus der Sicht der Arbeitgeber bedeuten die jüngsten Forderungen der IG Metall den Guss von Öl ins Feuer, denn sie beeinträchtigen Arbeitsbedingungen und Produktionsabläufe , die zugleich die Wirtschaftskraft der jeweiligen Unternehmen beeinträchtigen können. Denn ohne Neueinstellungen, gerade in Schichtbetrieben der Industrie, lassen sich solche innerbetrieblichen Umbrüche wohl kaum bewältigen, was auch hohe Kosten verursacht.

Arbeitsbedingungen dürfen jedoch keine Einbahnstraße sein. Für Arbeitnehmer, gerade auch im von Industrie geprägten Saarland, ist es seit Jahrzehnten selbstverständlich, in Spitzen-Auftragszeiten länger zu arbeiten und auch Sonderschichten zu fahren. Flexibilität heißt aber auch mehr Beweglichkeit gegenüber den Arbeitnehmern.

Es geht jetzt nicht darum, die 28-Stunden-Woche für alle einzuführen. Die beabsichtigten Regelungen sollen helfen, Menschen in besonderen Lebenssituationen zu unterstützen, etwa, wenn sie ihre kranken Eltern pflegen. In einer Zeit, in der die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon eine besonders große Rolle bei der Wahl des Arbeitgebers spielt, muss es auch möglich sein, zeitweise die Arbeitszeit ohne persönliches Risiko reduzieren zu können, also auch auf Vollzeit zurückzukehren. IG Metall und Arbeitgeber werden sich in dieser wichtigen gesellschaftlichen Frage am Ende auf einen Kompromiss einigen. An noch flexibleren Arbeitszeitmodellen führt kein Weg vorbei.