Glosse : Überall Privilegien

Mein Haus, mein Boot, mein Auto – das waren einst Dinge, die Neid erregten. Aber nun wird es schwierig. Schließlich sitzen Beneidete und potenzielle Neider kontaktreduziert zu Hause und kuscheln sich in statusfreie Schlunz-Jogginghosen.

Was nun?

„Mein Homeoffice, mein Impftermin, mein Hamsterkauf“ könnten da als Neidobjekte einspringen. Ganz wichtig ist dabei allerdings die Verwendung des Wortes „Privilegien“. Denn sonst will der angeblich leistungsfördernde Neid in der Gemütlichkeit des eigenen Heims nicht recht gedeihen.

Deswegen werden weniger Einschränkungen für Geimpfte als „Privileg“ bezeichnet. Gleiches sollte für wenig eingeschränktes Denken gelten – denn Intelligenz und Phantasie sind nur kleinen Gruppen der Bevölkerung zugänglich und damit Privilegien.

Wer nun aber dennoch glaubt, er könnte unbeneidet weiterleben, sei gewarnt: Leben an sich ist das größte Privileg. Denn diejenigen, die es in Jahrmillionen bis zum Gezeugtwerden gar nicht erst schafften, sind so diskriminiert, dass man sie nicht einmal kennt.