Glosse : Erzwungenes Du

Nicht immer ist es sinnvoll, auf Du und Du zu sein. „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!“, heißt es etwa in Schillers Don Carlos. Nicht ganz so schön klänge: „Lass mal Gedankenfreiheit rüberwachsen, Alter.“

Die Duz-Freiheit ist den Deutschen daher fast ebenso wichtig wie die Gedankenfreiheit. Selbst Jüngere, die sich in sozialen Netzwerken immer duzen, wollen am Arbeitsplatz nicht dazu gezwungen werden, heißt es in einer Studie der Hochschule Osnabrück. Vielleicht weil sie schon ahnen: Der Chef, der sie mit „Du“ anredet, kann sie genauso niedermachen. Es wirkt bei vorgetäuschter Vertrautheit nur viel gemeiner. Außerdem würde ein flächendeckendes Duzen den schönen Moment verderben, in dem einem das „Du“ inklusive Brüderschaftstrunk angeboten wird. Und die Sanktionsmöglichkeit nehmen, es beim bitteren Streit wieder zu entziehen („Von heute an bin ich wieder Frau Müller für Sie!“).

Manche wählen im Job eine dritte Lösung: das „Wir“. Aber das muss richtig übersetzt werden. So bedeutet „Wir haben das entschieden“ oft: „Es ist falsch gelaufen, und ich war’s nicht!“ Und ob der Beschuldigte geduzt und gesiezt wird, spielt dann gar keine Rolle.

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