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SZ-Glosse: Am Anfang der Schlange

Warte mal : Am Anfang der Schlange

Dem modernen Menschen geht es besser als Laokoon. Der trojanische Priester kämpfte laut Mythologie vergeblich mit Schlangen. Der moderne Mensch dagegen kämpft mit Warte-Schlangen und übersteht sie. Doch in dieser guten Nachricht versteckt sich auch ein Problem.

So ändert sich das Verhalten des Menschen nämlich sehr deutlich, sobald er an der Reihe ist. Beim Warten noch droht ihn die Ungeduld schier zu zerreißen. Ist er aber endlich dran, entdeckt er die Langsamkeit. Dann lässt er sich Zeit, erläutert ausführlich sein Problem und plaudert noch ein wenig mit Verkäuferin oder Schalter-Mitarbeiter. Weil er es kann.

Das kann auf die heute übliche Selbstüberschätzung hindeuten, nach der das eigene Anliegen immer das wichtigste ist, auf fehlende Sensibilität oder auf verborgene Macht- und Rachegelüste. Warum soll es den anderen Wartenden schließlich besser gehen als ihm vorher? Verblüffend jedoch: All diese Gedanken über die Motive der Menschen am Anfang der Schlange kommen nur denen, die noch warten. Sind sie nämlich erst einmal dran, fühlen sie sich einfach nur wundervoll unterstützt. Denn alle stehen hinter ihnen.