SZ-Glosse: Alle Brücken abbrechen oder: Digitales Auswandern

Neues Leben 2.0 : Digitales Auswandern

Früher musste jemand viel tun, um ein neues Leben zu beginnen: auswandern, seinen Namen ändern, vielleicht sogar ins Zeugenschutzprogramm. Glücklicherweise ist das heute einfacher. So reicht es manchmal schon, wenn man gleichzeitig einen neuen Computer und ein neues Handy kauft und den Mobilfunkanbieter wechselt.

Da bleiben schon mal einige Kontakte aus dem alten Leben auf der Strecke.

Wer dann noch für das alles den Zeitpunkt abpasst, in dem auch an seinem Arbeitsplatz eine technische Umstellung erfolgt, hat sogar Chancen auf völlige Unerreichbarkeit. Und wer nicht erreichbar ist, ist ja heute quasi nicht existent. Denn was nützt die schönste Existenz, wenn digital keiner zuguckt.

Die Devise für das neue Leben heißt also: Daten loslassen! Passworte loslassen! Mails loslassen! Na gut, die neue Existenz wird dann wohl ein wenig einsam. Aber so war es früher beim Auswandern ja auch erst einmal. Und der Mensch wird endlich wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Falls er aber keinen Kontakt mehr zu sich selbst hat, hilft in diesem Fall leider auch nicht der wertvolle Hinweis: Das „Ich“ ist der Mensch auf den Selfies.

Mehr von Saarbrücker Zeitung