Glosse : Waldbaden

Lange Zeit dachte man, der Wald habe es schon schwer genug. Stand er doch durch das befürchtete Waldsterben schon quasi mit einer Baumwurzel im Grab. Doch kaum ist diese Gefahr vorbei, kommt eine noch Schlimmere: der erholungsbedürftige Mensch.

Dieser hat nämlich das Waldbaden zum neuen Trend erklärt. Das ist zwar im Grunde nur alter Mensch in neuen Schläuchen, wie Bäume beim Rauschen im Blätterwald bereits lästern. Schließlich lief der Homo Sapiens schon früher zwischen ihren Stämmen herum, atmete tief durch und tat sich dabei wichtig. Nannte das früher jedoch nur Spazierengehen.

Aber vielleicht droht nun eine neue Eskalationsstufe der Erholung. Deutet „Baden“ doch an, dass der Mensch sich bei seiner neuen Wald-Wellness vielleicht sogar entblättert – das macht Bäumen verständlicherweise Angst. Und ob er sich bei der Jagd nach all den Trends erholt, die die Jagd nach Tieren weitgehend abgelöst hat, glauben alte Eichen keineswegs. Denn sie wissen: Meistens steckt der gestresste Mensch in seinem Leben trotzdem zwischen Baum und Borke – und erkennt den Wald vor lauter Bäumen nicht.

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