Glosse : Norden auf Abstand

Manche Experten rätseln, warum der Norden bei der Corona-Pandemie bisher besser davon kommt. Dabei ist eine Theorie überzeugend – mit etwas Abstand.

So war die pandemisch bedenkliche körperliche Nähe den Nordlichtern im Gegensatz zu den übrigen Landsleuten schon immer suspekt – und sie wird nur in eng begrenzten Situationen überhaupt als angenehm empfunden: bei Fortpflanzung, Rettung aus dem Watt oder nach Alkoholgenuss. Manchmal hängt das kausal zusammen oder ist mit bloßem Auge kaum voneinander zu unterscheiden. Aber auch hier siegt oft weniger ein überschwängliches Bedürfnis als vielmehr die Einsicht in die Notwendigkeit: „Wat mutt, dat mutt.“

Zwar hatte die Globalisierung auf bizarren Seitenwegen das Wangenküsschen auch nach Norddeutschland gebracht. Doch eigentlich war es, so dachten die meisten Flachländer, nur Schnickschnack und Tüdelkram. Schließlich kann viel mehr Zärtlichkeit in einem einzigen „Moin“ liegen – und nach der innigen Nähe dieser Begrüßung von Seele zu Seele braucht ein Nordlicht erst mal wieder Abstand.