Glosse : Mach mir den Puschel

Der moderne Mensch mag es einerseits nüchtern, weil er ja sein Leben ständig vereinfachen und Unnötiges ausmisten soll. Aber andererseits sehnt er sich auch nach Gemütlichkeit.

Und wie löst er diesen Konflikt? Mit Puscheligkeit. So waren früher nur fellige Bommel an Wintermützen zu sehen, die diesem unvorteilhaften Kleidungsstück einen niedlichen Anstrich verliehen. Inzwischen aber werden auch Wohnungen durchgepuschelt: Plüsch- und Kunstfelle liegen in Möbelgeschäften über Sofas und harten Stühlen. Lampen haben weiche Federn, Teppiche lassen Füße im Hochfloor versinken. Kein Wunder also, dass auch der Mensch auf den Ruf der Zeit „Mach mir den Puschel“ reagiert. So versucht er, durch wuschelige Frisuren und Bärte weicher zu wirken. Gaaanz niedlich. Womöglich hatte schon der Höhlenmensch ähnliche Ambitionen – und wollte sich mit dem über die Schulter geworfenen Fell nicht nur wärmen, sondern nach dem Keulen-Kampf wieder zum Sympathieträger hochpuscheln. Manche versuchen heute auch, ihre harten Worte als Tarnung undeutlich zu sprechen. Folgen dann aber versehentlich dem anderen Megatrend: „Mach mir den Nuschel.“

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