Glosse : Intuitives Gänseessen

Wir leben in einem irrationalen Zeitalter? Das täuscht. So regieren Gefühle nur dort, wo einst der Verstand herrschte – etwa in der Politik.

In ihren Ursprungsgebieten Herz und Magen dagegen sind sie erforscht und an die Kette gelegt. Aber vielleicht nicht mehr lange. So propagieren einige Ernährungsexperten nach zahlreichen Diäten jetzt das „intuitive Essen“. Das heißt vermutlich: Der Mensch soll essen, wann und worauf er Lust hat. Wer weiß, wo das endet. Am Ende lassen Menschen ihr Gefühl auch noch bei der Partnerwahl entscheiden. Oje. Na gut, manche wissen beim Essen gar nicht mehr, was sie eigentlich mögen. Oder haben ihr Hungergefühl wie ein Pawlowscher Hund dem Kantinenplan angepasst. Da ist eine Umstellung auf Genuss kaum möglich, würde aber auch nur zur emotionalen Dissonanz mit den Rahmenbedingungen führen. Früher hieß das Unzufriedenheit. Gerade in der Zeit der Gänseessen lohnt es sich aber, auf die Intuition auch mal etwas länger zu warten. So brauchen manche zwei Gänge, bis sie intuitiv merken: „Ich glaube, ich bin satt.“ Aber erst nach dem zusätzlichen Dessert merken sie genauso intuitiv: Darum geht es hier gar nicht.

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