Glosse : Auf Insektenjagd

Der Mensch ist angeblich die Krone der Schöpfung. Deswegen fürchtet er sich selbstverständlich nicht vor Insekten. Nur manchmal erscheint es ihm, sie seien draußen oder im Insekten-Jenseits besser aufgehoben als in seinem Schlafzimmer.

Besonders wenn sie sich dort in  blutsaugende Vampire verwandeln. Dann beginnt die nächtliche Jagd.

Weil er besonders fair ist, gewährt der Mensch den Insekten dabei meistens einen kleinen Vorsprung. Er lässt die Mücken erst fünf Mal zustechen, bevor er sie jagt. Er lässt die Schnake zehn Mal entwischen. All das ist natürlich nicht auf Trotteligkeit zurückzuführen, sondern strategisch ausgefeilt – damit das Insekt sich in Sicherheit wiegt oder sich erst mal erschöpft irgendwo an einem verborgenen Ort im Zimmer niederlässt.

Und diese brillante Taktik geht immer auf. Das Insekt verschwindet scheinbar ganz von selbst, der müde Jäger ist zufrieden. Beim Einschlafen registriert er noch kurz ein leises Surren an seinem Ohr oder ein Krabbeln an der Wand. Aber wenn er jetzt noch Angst hätte, hätte er ja einen Stich.