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Zartheit und Gebrochenheit sind eine Zier

Zartheit und Gebrochenheit sind eine Zier

Die Neunkircher Station der Landeskunstausstellung „SaarArt11“ bietet bemerkenswert viele profilierte künstlerische Positionen.

Für die Landeskunstausstellung hat man in Neunkirchen sogar das Erdgeschoss geräumt, wo sonst die Hütten-Ausstellung zu sehen ist. So ist diese "SaarArt11"-Station noch ergiebiger geworden als sie dies dort ohnehin schon ist. Dass Illustrationen in einer solchen Querschnittsschau ihre Berechtigung haben, zeigt gleich zum Auftakt Jakob Hinrichs, der für die Schau eine eigene Zeitung mit seinen köstlichen, an expressionistischen Holzschnitten geschulten Graphic Novels drucken ließ, die man dort für fünf Euro aus einem Zeitungsautomaten ziehen kann. Es lohnt sich.

Klaudia Stoll überrascht mit einem rund 100 Zeichnungen umfassenden, zarten Konvolut unter dem Titel "Ich fühle mich gerade nicht so" (ergänzt um eine Videoprojektion, in der sie ein Arbeitsbuch mit weiteren Zeichnungen aufblättert). Stolls Serie fügt sich zu einem offenherzigen, zeichnerischen Tagebuch - sehr reduziert, sehr körperlich und sehr sinnlich. Eine ästhetisch bemerkenswert ausgereifte, leichthändige Werkgruppe, die fraglos zu den Höhepunkten in Neunkirchen zählt.

Die beiden hinteren Kabinett räume verbindet Mirjam Elburn in einer hintersinnigen, um Haut und Haar kreisenden Material-Installation: Der Boden des linken Raumes ist komplett mit (von Elburn bei fünf Frisören gesammelten) Haaren ausgelegt - ein nur noch farblich unterscheidbarer Persönlichkeitsabfall, der wie ein Zwitter aus Tierfell und Staubballen anmutet. Greift man eine der identitätslosen Strähnen, meint man noch Shampooduft riechen zu können. Läuft man auf dem Haarteppich weiter, stößt man nebenan auf aus Wursthäuten vernähte, von der Decke hängende kokonartige Gebilde, an denen teils - Fliegenfallen gleich - Haare kleben.

Zwar liegt am Boden kein Teppich aus geschuppten Hautresten, dennoch beginnt man unweigerlich die beiden Raummetaphern (Haut & Haar) zu verknüpfen. Könnte man diese Pellen überstreifen? Erinnern die vernähten Häute nicht an Müllsäcke? Was lässt man alles von sich zurück?

Eine zweite Raumintervention im Erdgeschoss stammt von der HBK-Studentin Ida Kammerloch: In einem abgedunkelten Raum zeigt sie in einer überdimensionalen, das Potenzial des Ortes klug ausschöpfenden Videoprojektion in Endlosschleife einen, seine Position beständig verändernden männlichen Akt, der zugleich zwischen Wand und Decke perspektivisch aufgedehnt wird. Die Gitterstruktur der abgehängten Decke prägt dem sich bewegenden Körper immer neue Muster auf - Raumkunst auf hohem Niveau. Das gilt, was das Zeichnerische angeht, auch für Colin Kaesekamp alias Cone the Weird, der ein gutes Dutzend kleinformatige Arbeiten zeigt, die einmal mehr deutlich machen, dass der aus München stammende Wahl-Saarbrücker nicht nur ein höchst origineller Urban-Art-Künstler ist - seine Tuschearbeiten sind nicht minder ausgereift.

Im Obergeschoss, der eigentlichen exquisiten Heimstätte der Städtischen Galerie, hat Armin Rohr ein neun Meter langes temporäres Wandgemälde aus quallenartigen Gebilden und blattartigen Strukturen geschaffen - in zweieinhalb Tagen direkt auf eine Längswand aufgetragen, besticht es mit malerischen Über- und Unterordnungen, in denen sich Schwarzflächen und lichte, farblich gebrochene Bildteile immer wieder neu organisch zusammenfügen. An der anderen Stirnseite breitet Mane Hellenthals, ebenfalls eigens für den Ort gestaltete Wandinstallation "Schattenrasen 4" auf einem gelb-grauen Wandhintergrund ein Privatarchiv aus sparsam arrangierten Kleidungsstücken, Objekten und kleinformatigen Gemälden aus. Anders als in früheren Werkgruppen Hellenthals, die auf ähnliche Weise Lebensüberbleibsel kondensierten, wirkt diese hier jedoch weniger konsistent.

Ihre bekannten stilistischen Positionen vertiefen in Neunkirchen auch Andrea Neumann und Juliana Hümpfner. Während Hümpfners vier, den für sie typischen fleckhaften Malgestus zeigenden, figuralen Gemälde aus der gezielten Undeutlichkeit des Dargestellten ihren malerischen Reiz entfalten (sind das miteinander Ringende oder sich Umarmende?), siedelt Andrea Neumann ihre Figuren im unscharfen Grenzgebiet zwischen Person und Typus an. Wo Gesichter waren, bleibt nur ihr Gestus; wo Körper Ausdruck fanden, bleiben schemenhafte Nachbilder zurück. Insbesondere Andrea Neumanns zwei Eitempera-Gemälde in gebrochenen Farben berühren.

Zu den schwächeren Arbeiten gehören die Porträtreihen von Leslie Huppert (aus einer 2014 entstandenen, schrill und spröde wirkenden Serie von JVA-Gefangenen) und von Cordula Sumalvico, die eine Totengalerie ausbreitet: Acht gemalte Porträts 2016 gestorbener "Prominente" (Politiker und Künstler) gruppiert sie an einer Wand. Mal fast pointilistisch, mal flächig-maskenhaft; mal in fahles Licht getaucht, mal in satten Farben - man studiert eher Technisches darin. Dazu laden zwar auch Jacqueline Wachalls mit einem dicken Firnis versiegelte Ausschnittsbildnisse ein. Überlebensgroße Frauenbüsten zeigend, strahlen Wachalls ein Jahrzehnt überspannende vier Gemälden jedoch eine geradezu kühle Anmut aus - als wären hier Körperpartien malerisch in Bernstein gegossen.

Dass Bewährtes sich nicht abnutzen muss, beweisen die zwölf Linoldrucke Bettina van Haarens, deren grafisches Alphabet immer andere Gesichter, Gliedmaßen und Geister gebiert. In der rechten der zwei Werkgruppen vergegenwärtigt sie Wahrnehmung als einen Gestaltungsprozess innerer, förmlich aus dem Kopf herausquillender Bilder. Auf ganz andere Weise versinnbildlicht dies auch Lydia Kaminski mit dem von ihr gezeichneten Experimentalfilm "Vienna 2015", der städtische O-Töne und Interview-Tonfragmente von drei Wahl-Wienern szenisch illustriert. Wahrlich Gründe genug also, nach Neunkirchen zu fahren.

Bis 2. Juli (Marienstraße 2). Mi-Fr: 10-18 Uhr; Sa: 10-17 Uhr; So: 14-18 Uhr.