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Spektakuläre Ausstellung: Wovon sollen wir alle satt werden?

Spektakuläre Ausstellung : Wovon sollen wir alle satt werden?

Algen, Pillen oder gar Insekten: Die Ausstellung „Food Revolution 5.0 – Gestaltung für die Gesellschaft von morgen“ in Hamburg geht, mal ernsthaft, mal spekulativ, mal witzig, der Frage nach, wie und wovon sich die Menschheit in Zukunft ernähren wird.

So etwas nennt man konsequent. Die Schweizer Designerin Andrea Staudacher hat getan, was die meisten von uns wohl nie im Leben mit eigenen Händen tun werden: Die bekennende Fleischesserin hat einem Tier das Leben genommen. „Schwein 1738“ ist ihre Arbeit betitelt, die jetzt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) gezeigt wird. Sie besteht aus 60 jeweils in rechteckige Silikonblöcke eingegossenen Einzelteilen eines Hausschweines, die auf einem Sockel präsentiert werden. Audioaufnahmen von Schlachtung und Zerlegung werden über Kopfhörer eingespielt. Ausdrücklich versichert wird, dass das Tier artgerecht aufwuchs und vom Bauern auf kurzem Wege zum Schlachthaus transportiert wurde. Die Ausstellungsbesucher sind jetzt eingeladen, die Schweinefragmente nach Belieben neu anzuordnen. Wer will, kann davon Fotos in sozialen Netzwerken posten. Vegetarier und Veganer dürften sich damit jedoch etwas schwertun.

Andrea Staudachers durchaus provokante Arbeit ist nur eines von zahlreichen Artefakten und Exponaten der Ausstellung „Food Revolution 5.0 – Gestaltung für die Gesellschaft von morgen“. Das MKG geht in dieser gemeinsam mit rund 30 Designern, aber auch Wissenschaftlern und Food-Experten entwickelten Schau der spannenden Frage nach, wie sich unsere Ernährungsgewohnheiten und damit zusammenhängend die Methoden der Produktion, Distribution und Zubereitung von Nahrungsmitteln in den nächsten Jahrzehnten verändern könnten.

Die von dem renommierten Rotterdamer Designstudio Makkink & Bey entwickelte, abwechslungsreiche Szenografie der Schau macht den Ausstellungsbesucher auf zahlreichen Schautafeln mit Zahlen, Daten und Fakten vertraut. So erfährt man etwa, dass 75 Prozent  aller verbrauchten Lebensmittel auf der Welt nur von zwölf Pflanzen- und fünf Tierarten stammen. Etliche Projekte zeigen ganz praktisch auf, wie es der Menschheit gelingen könnte, eine Weltbevölkerung von geschätzten neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 ausreichend und gesund zu ernähren. Dazu gehören etwa bereits heute praktizierte Ansätze, die die Lebensmittelproduktion vom Land in die Stadt verlagern. Großstadt-Imkern, „Zero Distance Production“ oder „Rooftop Farming“ lauten hier die Stichworte. Eine „Indoor Farm“ des Fraunhofer-Instituts etwa führt ganz plastisch vor, wie Kräuter, Gemüse und Salate in Bioqualität in nahezu jedem Haus gezüchtet werden könnten. Andererseits darf in der Schau aber durchaus auch wild spekuliert werden. Viele der vorgestellten Arbeiten kommen eher spielerisch daher.

So etwa die schelmisch-verschmitzte Virtual-Reality-Brille des Amerikaners Austin Stewart, die Legebatterie-Hennen eine intakte Umgebung vorgaukeln soll. Claudia Banz, die Kuratorin der Schau, betont den spekulativen Charakter vieler Exponate: „Wir liefern Denkanstöße, keine fertigen Rezepte.“ Serienreif allerdings ist die wohlgestaltete und haushaltskompatible Mehlwurmaufzuchtstation „The Hive“ der in Wien und Hongkong lebenden Designerinnen Katharina Unger und Julia Kaisinger.

Die aus Kuwait stammende Hanan Alkouh wiederum präsentiert einen nostalgisch anmutenden Schlachterladen. Wetzstab, Hackebeil und Knochensäge hängen vor der weiß gekachelten Wand. Auf einem Tresen sind durchaus appetitliche Fleischstücke arrangiert. Doch was so aussieht wie „Dry Aged Beef“ vom Feinsten, ist in Wahrheit aus gewöhnlichem Seegras, einer weltweit verbreiteten Algenart also, hergestellt. Gebraten schmeckt der Fleischersatz angeblich wie Schinkenspeck.

Immerhin noch besser als das von jedem Aroma befreite „Digital Food“ des Spaniers Marti Guixé. Seine Modelle sind zwar hübsch anzuschauen, ob aber datenbasierte, von Body-Tracker-Armbändern und Algorithmen für die Bedürfnisse des jeweiligen Individuums optimierte Nahrungsmittel aus dem 3D-Drucker die Menschen der Zukunft wirklich glücklich und zufrieden machen werden, darf stark bezweifelt werden. Essen ist im Idealfall immer auch soziale Interaktion, Genuss und Sinnenfreude. Es bleibt zu hoffen, dass das noch lange so bleibt.

Käfer? Alligatoren? Warum nicht? Immerhin mit Messer und Gabel. Andrea Staudachers „Andrea’s Future Food Lab”. Foto: Carolin Schulze/Felix Kraemer - formall.de

Bis 29. Oktober im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg. Di-So 10-18 Uhr. Do 10-21 Uhr. Katalog: Verlag Kettler, 224 Seiten, 24,50 Euro (Museum), 32 Euro (Buchhandel). Infos im Internet: www.food.mkg-hamburg.de