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Wo Honig in die Seele tropft und Belcanto ins Herz

Wo Honig in die Seele tropft und Belcanto ins Herz

Mehr Kontrast geht nicht: Die 26. Internationalen St. Wendeler Jazztage werden in Erinnerung bleiben als ein Festival krasser Gegensätze. Und als eines unterschiedlicher weiblicher Gesangsstimmen, die sich auf südamerikanische beziehungsweise portugiesische Wurzeln berufen.

Der regional besetzte Prolog ging eine Woche zuvor mit dem Kai Sommer Trio und der Formation Freak Chazz im Kurhaus Harschberg über die Bühne. Am Freitag prallte nun im St. Wendeler Saalbau einschmeichelnder Latin auf unkonventionelle Grooves; am Samstag kollidierte kammermusikalischer Jazz mit Big Band-Breitwandsound, gepfeffert mit Vokalartistik. Eine melonenfrische Mischung, wie Plakat und Programmheft glauben machen wollten - Letzteres so kleingedruckt, dass man am Besten eine Lesebrille beigelegt hätte. Die für St. Wendel typische Wohlfühl-Atmosphäre garantierten wie immer die ehrenamtlichen Helfer des Jazzförderkreises. Mittlerweile fast schon Tradition hatte auch die Verpflegung durch das saarländische Frauen-Kulturnetzwerk Saarkult.

So ließ sich das kontroverse Spannungsfeld zwischen Breitentauglichkeit und Innovation, seit Jahren zuverlässig bestellt vom künstlerischen Leiter Ernst "Ernesto" Urmetzer, prächtig abschreiten. Zum leicht verdaulichen Auftakt schickte Urmetzer die Argentinierin Lily Dahab (und Band) aufs Podium: eine schokoladenhaarige Schönheit mit einer Stimme wie bernsteinfarbener Honig, die dem Publikum direkt in die Seele tropfte. Intimität, Melancholie, Schwermut, südländisches Feuer: Alles mischt sich in diesem sinnlichen Timbre, mit dem die Wahlberlinerin die Tangos, Bossa Novas und Boleros ihrer Heimat nach Europa holt und mit angloamerikanischer Songwriterkunst durchmischt. Die apartesten Akzente in diesem abwechslungsreichen, aber durchweg gefälligen Intro setzte Percussionist Daniel "Topo" Gioia.

Ebenfalls ein Flügel plus Stagepiano kamen dann auch bei der fabelhaften Truppe "Nik Bärtschs Ronin" zum Einsatz - das war's dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten. Frisches aus der Schweiz ließ in St. Wendel schon öfter aufhorchen, so 2012 die formidable Formation "Hildegard lernt fliegen" um den eidgenössischen Vokalakrobaten Andreas Schaerer. Pianist Nik Bärtsch und seine kongenialen Mannen polarisierten jedoch: Ihre auf schlichten, redundanten Mustern und dynamisch variierten Wiederholungen fußende "ritual groove music" mit ausgefeiltem Klangkonzept und Elementen aus E- und U-Musik schlug etliche Zuhörer in die Flucht. Minimal Music trifft handgemachten Techno? Ekstase durch Askese? Man musste sich einlassen wollen, um Feinheiten, Verdichtungen, Überlagerungen, Auflösungen und Wechsel in diesem stetig treibenden Fluss zu genießen, der aus meditativen Quellen in einen hypnotischen Sog mündete.

Eine durchweg kommode Angelegenheit war dann wieder der mit viel Sympathie-Applaus bedachte Auftritt des jungen Kärntner Duos [:KLAK:] - die Abkürzung steht für KLarinette (Markus Fellner, auch Percussion) und AKkordeon (Stefan Kollmann) - am Samstag. Die beiden werfen Klassik, Weltmusik, Pop und Folk zusammen, kombinieren Bach mit Sting und kreieren so einen ebenso lyrisch-gefühlvollen wie lebhaften Crossover. Nur am Gesangsmikro gibt Fellner noch keine professionelle Vorstellung - ganz im Gegensatz zu Maria João. Die portugiesische Vokalartistin reiste mit dem entspannten Upper Austrian Jazz Orchestra an und dominierte, obwohl aus Gründen der Mikrofonierung in der hintersten Reihe der Big Band platziert, mit ihrer Präsenz den Saal: Der auch für exzentrischen Kopfputz bekannte anmutige Temperamentsbolzen bebildert seine ironisch gebrochenen, emotionalen Achterbahnfahrten mit theatralischen Gesten. Kaum fühlte man sich bei klassischen Big Band-Nummern und flauschigen Balladen in die goldene Swing-Ära gelullt, wachte man bei zeitgenössisch-vertrackten Kompositionen durch stimmliche Ausbrüche auf. João scattet, schaltet blitzschnell um zwischen katzenhaft girrender Luftigkeit und bedrohlichem Brustregister; sie pflegt Belcanto oder schnattert in lautmalerischem und halsbrecherischem Silben-Gromolo wie ein Haufen hysterischer Marktweiber. Und die Österreicher marschierten gut gelaunt mit. Ganz großes Gefühlskino!