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Berlinale-Wettbewerb: Wie uns das Vergangene wieder einholt

Berlinale-Wettbewerb : Wie uns das Vergangene wieder einholt

Blick auf zwei Berlinale-Beiträge: Während Benoit Jacquots „Eva“ seinen Plot nicht in den Griff bekommt, ist Christian Petzolds Neufassung von Anna Seghers’ „Transit“ ein erster Höhepunkt: Petzold verlegt den Flüchtlingsroman ins heutige Marseille – ein Kunstgriff mit enormer Wirkung.

Schriftsteller haben es in den Berlinale-Wettbewerbsbeiträgen „Eva“ und „Transit“ nicht leicht. Erst scheiden sie dahin, dann schlagen andere Profit aus ihrer Identität und ihrem Werk. Im französischen Psychodrama „Eva“ erleidet ein greiser Erfolgsautor einen Herzinfarkt: Nur Callboy Bertrand (Gaspard Ulliel), der gerade zu ihm in die Wanne steigen wollte, weiß davon. Und vom unveröffentlichten Theaterstück, das der Alte hinterlässt. Bertrand gibt es als seines aus, wird gefeiert, bandelt mit der Literaturagentin Caroline (Julia Roy) an und steigt aus dem Sexdienstgeschäft aus. Als er ein ebenbürtiges Nachfolgestück liefern soll, trifft er auf das mysteriöse Edel-Callgirl Eva (Isabelle Huppert). Die Dialoge ihrer Affäre fließen eins-zu-eins ins neue Werk. Doch weder traut Eva Bertrand, noch kann dieser die künstlerisch nötige Distanz wahren.

„Eva“ ist die Neuverfilmung eines Romans von James Hadley Chase. Joseph Losey hatte sich 1962 daran versucht. Benoit Jacquot liefert bei seinem dritten Berlinale-Beitrag nach 2012 und 2015 ein von Bruno Coulais atmosphärisch dichter Filmmusik untermaltes Konversationsstück, dem allerdings die Bilder für die Leinwand fehlen. Und das im letzten Drittel aus dem Ruder läuft. Wird Bertrand mit seiner Betrügerei durchkommen? Seine Affäre mit Eva auffliegen? Eva ihm als Muse zu einem selbstverfassten Meisterwerk verhelfen? Die Antwort auf jede dieser Fragen hätte einen guten Film ergeben können. Jacquot versucht, alle (und weitere) parallel zu beantworten und verhebt sich damit. Am Ende ist die Betrügerei ebensowenig noch Thema wie Bertrands neues Stück. Zu dem Zeitpunkt ist der Figurenbestand auch ohne dramaturgische Notwendigkeit ausgedünnt worden. Handeln Eva und Bertrand längst nicht mehr nachvollziehbar und ohne Ziel. Schade – gerade die von Isabelle Huppert stark gespielte Eva ist als faszinierende, ambivalente Frauenfigur angelegt. Sie hat Angst beim abendlichen Autofahren, liebt einen gewalttätigen Ehemann, der im Knast sitzt, ist verletztlich, aber auch geheimnisvoll und dominant.

Ganz anders entwickelt Christian Petzold in „Transit“, einem von vier deutschen Wettbewerbsbeiträgen, die Idee des Raubs an einem Autor. George (Franz Rogowski, der auch im Wettbewerbskonkurrenten „In den Gängen“ die Hauptrolle spielt) nimmt die Identität des toten Weidel an, um sich auf der Flucht vor den Nazis von Marseille aus die Ausreise nach Mexiko zu sichern. Was er nicht bedacht hat: Weidels Frau Marie (Paula Beer) weiß nichts von dessen Ableben, wartet dort auf ihn, schlägt eine Allein-Passage aus. Fatalerweise kreuzen sich beider Wege und der Funke springt über – die Katastrophe ist programmiert.

An die Ausgangslage muss man sich gewöhnen, weil Petzold Seghers 1940/41 spielende Vorlage aus der Nazi- in die Jetztzeit verlegt. Das sonnendurchflutete Marseille mit modernen Autos und -Kreuzfahrtschiffen als Hölle auf Erden, das wirkt zunächst surreal. Doch die Koexistenz von Vergangenheit und Gegenwart steht „Transit“ hervorragend – und erweist sich als dessen eigentliches Kapital, weil Petzold so Seghers’ Exilroman in unser Heute überführt.

Er habe weniger das Seghers-Buch verfilmt als vielmehr dessen Lektüre, meinte Petzold bei der Berlinale-Pressekonferenz. Daher lässt er Georges Handeln mittels Voice-Over in der dritten Person erzählen (durch einen von Matthias Brandt gesprochenen Barkeeper, den Petzold Teile von Seghers’ Roman lesen lässt). Das verwirrt eine Weile, da sich Erzähltes und Gesehenes nicht decken und Petzold die Figuren von 1940 unerlösten Gespenstern gleich durch unser Heute laufen lässt.

 Regisseur Christian Petzold: Sein vierter Berlinale-Wettbewerbsbeitrag überzeugt konzeptionell, visuell und emotional auf ganzer Linie.
Regisseur Christian Petzold: Sein vierter Berlinale-Wettbewerbsbeitrag überzeugt konzeptionell, visuell und emotional auf ganzer Linie. Foto: Marco Krüger/Schramm Film/Berlinale/Marco Krüger

Petzolds vierter Berlinale-Wettbewerbsbeitrag überzeugt konzeptionell, visuell und emotional auf ganzer Linie. Die Figurenentwicklung ist präzise (etwa Eigenbrötler George, der sich einer Beziehung öffnet), die emotionale Wucht des Dramas groß, wenn etwa schwer bewaffnete, heutige  französische Einheiten (und eben nicht Schergen des Vichy-Regimes zu Zeiten der Nazi-Besetzung Frankreichs) Hotels filzen, Leute wegschleppen und die übrigen Flüchtlinge schweigend-verschämt zu Boden blicken. Und die Schauspieler, allen voran Rogowski (er spielte im 2014er Siegerfilm des Max-Ophüls-Festivals „Love steaks“), transportieren äußerst wirkungsvoll die Verzweiflung der Flüchtlinge, die in einem Transitraum zwischen altem Leben und erhoffter Zukunft festsitzen. Ihr Verlorensein, ihre Hoffnung und Selbstzerissenheit spiegelt Petzolds Film nachdrücklich.