Literatur: Wie man eine kollektive Autobiografie schreibt

Literatur : Wie man eine kollektive Autobiografie schreibt

Annie Ernaux fängt ein halbes französisches Jahrhundert ein.

Was für ein wunderbares Buch ist dies, das nun mit neunjähriger Verspätung auf Deutsch erscheint! Was Annie Ernaux in „Die Jahre“ versucht und eine „unpersönliche Autobiografie“ nennt, hat man so noch nicht gelesen. „Kollektive Autobiografie“ wäre eine treffendere Beschreibung ihres literarischen Verfahrens, gedankliche Abstraktionen eines Lebens mit einem halben französischen Jahrhundert soziologisch kurzzuschließen. Ernaux skizziert, ohne dass je ein Ich auftauchte, Bruchstücke ihrer Erfahrungen als 1940 in der Normandie geborene, aus kleinen Verhältnissen stammende Frau, die später Studienrätin und Pariser Intellektuelle wird. Und fängt gleichzeitig die schleichenden Veränderungen der französischen Verhältnisse über all die Jahrzehnte ein.

Die Ausgangssituation ist die einer Frau, die auf ihr Leben zurückblickt, etwa alte Fotos ansieht. Was bleibt von dieser Existenz, in die die große Geschichte ihre Spuren eingeprägt hat? Schon auf der ersten Seite zeigt Er­naux, wie sich in Erinnerungen Lebende und Tote überlagern, Verschwundenes und Ersehntes sich mit Banalem paart und ein prallgefüllter Bauchladen an Gewohnheiten abrufbar ist. Was „Die Jahre“ so kostbar macht, ist Ernaux’ von äußerster Selbstdistanz geprägte Erzählweise. Es geht ihr darum, die Jahre und Jahrzehnte anhand deren elementarer Lebensmuster zu spiegeln.

Ihre Kindheit etwa durchzieht „die Sprache der Ohrfeigen, der Kittelschürzen, des Putzmittels, der Äpfel, die im Winter auf dem Herd köchelten“. Es war eine Zeit des Mangels, wie es später heißt. „An Dingen, an Bildern, an Zerstreuunngen, an Erklärungen über sich selbst und die Welt.“ Später lockern sich die Sitten (erst im Kino und Rock’n’Roll, später mit der Pille, den 68ern, dem Feminismus). Erweitern sich die Horizonte (etwa durch Existenzialismus oder den Algerienkrieg samt Folgen). Wandeln sich Konsumbedürfnisse vom Resopal und Plastik der 50er zu den Einrichtungsträumen der Jungfamilien in den 80ern („Der Überfluss an Dingen verbarg den Mangel an Ideen und die Abnutzung der Überzeugungen.“). Verschieben sich die politischen Hoffnungen (großartig etwa die Beschreibung der Entzauberung der Sphinx Mitterand in den 14 Jahren seiner Präsidentschaft).

Prägnant gelingt die Engführung von Privatem und Kollektivem: Ernaux’ lakonische Stimmungsbilder der französischen Gesellschaft der 50er bis zu den Nullerjahren stecken voller Lebensweisheit.

Annie Ernaux: Die Jahre. A.d. Frz. von Sonja Finck. Suhrkamp, 256 Seiten, 18 €.

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