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Wie Klaus-Peter Wolf auch in Corona-Zeiten der Bestseller glückt

Neuer Krimi : Wenn die Mimi beim Ostfriesenkrimi mitschreibt

Klaus-Peter Wolfs Krimis sind mittlerweile garantierte Bestseller: Auch „Ostfriesenzorn“ wird an diesem Donnerstag wieder ganz oben auf der Bestsellerliste einsteigen. Für den in der Pandemie darbenden Buchhandel ein Lichtblick.

Kurz vor acht wird’s richtig teuer. „Best Seconds“ heißt das im Werberslang, wenn sich die deutsche Fernsehgemeinde bereits für die Tagesschau versammelt. Dann langt die ARD nochmal kräftig hin – satt fünfstellig für 20 Sekündchen. Üblicherweise machen dann Schokoriesen für ihre süßen Verführungen Reklame, auch noble Düfte oder Produkte gegen Blasenschwäche werden gern angepriesen – aber Bücher?

Diese Woche jedoch soll es genau so kommen. Der Fischer-Verlag will das jüngste Werk von Klaus-Peter Wolf in den Best Seconds annocieren. Ganz knapp und lakonisch: „Der neue Wolf ist da.“ Wolfs Frau, die Liedermacherin Bettina Göschl summt noch dazu ein paar Takte, wie man das schon aus den Intros der ZDF-Verfilmungen seiner Ostfriesenkrimis kennt. Das muss reichen.

Ungewöhnlich, so für ein Buch zu werben. Es sind aber auch ungewöhnliche Zeiten, in dieser Pandemie, die auch alle Buchhandlungen geschlossen hält. „Wenn sonst eine neues Buch von mir rauskommt, liegen die Bände zum Verkaufsstart stapelhoch in den Buchhandlungen, es gibt Aufsteller, das wird richtig zelebriert“, bedauert der Auflagen-König (13 Millionen Gesamtauflage) aus Ostfriesland. Nichts davon ist jetzt möglich. Darum soll seine Fangemeinde das Allez-Signal zum Buch-Kauf nun via Fernsehwerbung erhalten. Der im Lockdown darbende Buchhandel wird es ihm gewiss danken. 

Dabei darf der Bestsellerstatus auch beim 15. Band der Reihe längst als garantiert gelten. „Ostfriesenzorn“, der (so viel spoilern kann man wohl) Hauptkommissarin Ann-Kathrin Klaasen bei ihren Ermittlungen noch weiter als bislang an die Grenzen der Legalität und in Gewissensnöte treibt, ist „über 160 000 Mal vorbestellt“, berichtet der 67-jährige Krimiroutinier nicht ohne Stolz. Fischer hat vorsichtshalber eine Viertelmillion gedruckt. Was aber kaum reichen wird.

Wenige Schriftsteller haben nämlich  eine derart eingeschworene Lesegemeinde wie der Wahl-Ostfriese. In der Vor-Corona-Zeit rückten sie zu Lesungen, oft mit über 300 Gästen, reihenweise in Fan-T-Shirts an. Wolfs kernigste Figur, der notorische Alt-Macho Kommissar Rupert, hat die härtesten Aficionados – wie man meist in Brusthöhe lesen kann. Und wenn diesen Donnerstag „Ostfriesenzorn“ erscheint, fluten in den Tagen danach wieder täglich Hunderte von Mails Wolfs Postfach. Auch der Briefträger im Küstenstädtchen Norden hat sicher alle Hände voll zu tun. „Es ist unglaublich, wie sehr die Leser Anteil nehmen“, zeigt sich auch der Verursacher des Ganzen nach wie vor überrascht. Auch davon, wie energisch manche Leser sein Schreiben mitbestimmen wollen. Etwa nach der Rückkehr der Figur Dr. Bernhard Sommerfeldt verlangten.

Den gleichermaßen mörderischen wie schöngeistigen Hausarzt, der in der Krimireihe erst von der Neben- zur Hauptfigur avancierte, schließlich sogar – in einem Spin-off – zum Zentrum einer eigenen Romantrilogie wurde, die alleine weit über eine Million Auflage machte, hatte der Autor eigentlich fest hinter Gittern gedichtet. Was jedoch gerade Leserinnen missfiel, berichtet Wolf. Wie das? Da Sommerfeldt gepeinigte Ehefrauen auch damit kurierte, dass er sie mit kunstvoll ausgeführten Messerstichen ihren jeweils schlechteren Hälften, sprich ihren Gatten, entledigte, sehnten sich etliche Leserinnen genau nach so einem verständnisvollen wie zustechenden Problemlöser. Zumindest in Gedanken.

Da Klaus-Peter Wolf seine Leserinnen und Leser schätzt, ließ er diesmal quasi die Mimis beim Krimi mitschreiben. Und  Sommerfeldt ist in  „Ostfriesenzorn“ zurück im Rampenlicht und bringt Kommissarin Klaasen, als sie einem Serienmörder, der auf der Nordseeinsel Langeoog mit einer Drahtschlinge Jagd auf Touristinnen macht, mehr als einmal in Versuchung, das Gesetz Gesetz sein zu lassen. „Sie steht eben vor der Kardinalfrage, darf ich etwas Schlimmes tun, um Schlimmeres zu verhindern“, skizziert Wolf diesen unauflöslich scheinenden Konflikt, mit dem Autorenkollege Ferdinand von Schirach auch gern sein Publikum in Erzählungen und Fernsehspielen herausfordert. Von Schirach allerdings wirft meist dramaturgisch effektvoll nur die Frage auf, Wolf beantwortet sie – via Klaasens couragiertem Handeln.

Doch quasi abonnierte Besteller hin oder her: Auch für Klaus-Peter Wolf war das zurückliegende Corona-Jahr ein schwieriges. „Vor allem, weil ich meine Lesungen vermisse, den Kontakt mit dem Publikum. Ich bin eben eine echte Rampensau“, bekennt Wolf lachend. Klagen aber will er nicht. Im Gegenteil: „Ich bin ein glücklicher Autor.“ Vielen seiner Kollegen gehe es gerade richtig dreckig. „Mein Lesepublikum ist zum Glück über die Jahre kontinuierlich gewachsen, das verliert man nicht über Nacht“, sagt er. Zudem wird gerade wieder mit Julia Jentsch in der Hauptrolle ein neuer Ostfriesenkrimi vom ZDF verfilmt. Direkt vor Wolfs Haustür in Norden – unter den Argusauen  des Dichters. Der einstige Drehbuch-Vielschreiber („Tatort“, „Polizeiruf“)  wacht akribisch darüber, dass sich die Drehs nicht zu weit von seinen Romanen entfernen.  

Praktischerweise hat er ja sein Ermittlerpaar Ann Kathrin Klaasen und Frank Weller in der selben Straße, in der auch er lebt, angesiedelt. Überhaupt ist es ja ein Markenzeichen des Wolf’schen Krimikosmos, dass es vor realen Personen bloß so wimmelt. Auch Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers hat dieses Mal einen großen Auftritt in „Ostfriesenzorn“. Wen der 67-Jährige kennt und sympathisch findet, den schreibt er auch mal in seine Bücher rein, beglaubigt seine erfundene Welt so mit der wahren. Was in Norden dann häufiger zu kuriosen Situationen führt, wenn begeisterte Leser plötzlich einigen der Romanfiguren begegnen. Holger Bloem etwa, Chefredakteur des Ostfrieslandmagazins, muss dann schon mal Touristen erläutern, dass er nicht – wie im Roman beschrieben – wirklich von Sommerfeldt entführt wurde.

Ostfriesenzorn Foto: Fischer-Verlag/Fischer

Für Klaus-Peter Wolf ist aber eben das das Schönste, dass seine Leser so sehr mit seinen Figuren mitfiebern. So wird das erfundene Leben dann eben doch zum wahren.