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Wie Gstaad zum Menuhin-Festival Klassik-Fans ins Gebirge lockt

Menuhin Festival Gstaad : Klassikgipfel im Kuhdorf mit Weltruf

Das Menuhin-Festival in Gstaad zählt zu den großen Klassik-Events des Sommers mit Stars wie Ausnahmetenor Juan Diego Flórez. Doch wie lockt man das Publikum in die Abgeschiedenheit des Berner Oberlandes?

Ganz zum Schluss stehlen doch (Achtung, jetzt wird´s sexistisch!) tatsächlich dutzende vollbusige Damen einem Klassik-Weltstars wie Juan Diego Flórez in Gstaad noch die Schau. Ohrenbetäubend gibt’s was auf die Glocken. Züglete heißt das im Schweizer Saanenland, wenn die Bauern ihre Kühe Anfang September von den Bergen hinunter ins Tal zügeln. Gewiss, der Almabtrieb wird auch andernorts zum Ereignis gemacht. Nirgendwo sonst aber defiliert das aufgehübschte Milchvieh zum Ende der Sommerweidesaison noch an Edel-Läden von Louis Vuitton, Moncler und Hermès vorbei, um just noch ein paar Fladen vor dem Hotel Olden zu platzieren, jener Luxusherberge, mit der sich Ex-Formel-1-Boss Bernie Ecclestone an seinem hochalpinen Altersruhesitz die Zeit vertreibt. Ein Schelm, wer jetzt Böses dabei vermutet.

Züglete und das Finale des Menuhin Festivals: Damit geht in dem Schweizer Dorf mit Weltruf jedes Jahr quasi der Sommer zu Ende. Und ohne beides, Kühe wie Klassik, kann man sich Gstaad gar nicht denken. Vor über 60 Jahren fing Jahrhundert-Geiger Yehudi Menuhin an seiner Lieblingssommerfrische Gstaad, damals wirklich noch ein besseres Kuhdorf, in der kleinen Kirche von Saanen mit ein paar Freunden an, im Sommer zu musizieren. Im Grunde nur aus Pläsier.

Heute ist daraus ein brummendes Festival geworden mit bis zu 26 000 Besuchern per anno und rund 11 Millionen Fränkli, die mehr und mehr minder direkt des Festivals wegen die Besitzer wechseln, zum großen Teil in die Kassen von Hoteliers und Gastronomen im Berner Oberland wandern.

Wo andere gesagt hätten: Ein Festival in alpiner Abgeschiedenheit kann bloß eine Schnapsidee sein, haben die Saanenländer einen (Standort-)Vorteil daraus gemacht. Wer zum Konzert kommt, bleibt der weiten An- und Abfahrtswege halber grundsätzlich über Nacht. Und dann vom Bergzauber gebannt, gerne auch noch länger. Konsumiert und logiert also kräftig. Womit das Klassik-Festival zum Motor des Sommertourismus in Gstaad wurde.

 Der Almabtrieb in Gstaad, Züglete genannt, fällt mit dem Finale des Menuhin-Festivals zusammen - eben eine ganz besondere Atmosphäre.
Der Almabtrieb in Gstaad, Züglete genannt, fällt mit dem Finale des Menuhin-Festivals zusammen - eben eine ganz besondere Atmosphäre. Foto: Oliver Schwambach

Im Vorjahr aber stockte diese Maschine, Pandemie-bedingt. Umso seliger nun die Gesichter der Festivalmacher, dass der Jahrgang 2021 wieder halbwegs normal lief. Im großen Festivalzelt sitzt man zwar als Besucher mit Maske – und dezent auf Lücke. Ansonsten aber fragt in der Schweiz niemand, weder beim Eintritt zum Konzert, noch im Hotel nach Impfstatus oder Test. Was man schon leichtsinnig finden kann. Vielleicht aber markiert das auch nur die längst fällige Gewöhnung an einen Alltag mit dem Virus.

Trotz intensivem Mühen um den Nachwuchs, einer Academy für junge Musiker, die über den Talent-Status schon längst hinaus sind, locken aber letztlich vor allem große Namen das Auditorium ins Gebirge: Weltstars auf (musikalischen) Gipfeln halt.

Exakt das ist die Kragenweite von Juan Diego Flórez: Der müsste wahrscheinlich schon gar nichts mehr tun, damit ihm Damen wie Herren zu Füßen liegen. Aber der Austro-Peruaner, der nach dem Tod beziehungsweise dem Abdanken der Goldkehlen-Trias Pavarotti/Carreras/Domingo, heute allein den Lorbeer des wohl weltbesten Tenors auf dem schwarzgelockten Haupt trägt, ist auch noch ein emsiger Schaffer, wie man in der Schweiz sagt. Man kann das nicht genug rühmen. Zugabe um Zugabe gibt Flórez, zum Teil selbst begleitet an der Gitarre, was dann Momente von schönster Naturstimmenglückseligeit beschert – frei aller Openhausmanieriertheiten.

Und danach hat der 48-Jährige immer noch einen Pfeil im Köcher: „Nessun dorma“, Puccinis Hit für Ewigkeit: Eleganter als Flórez kann man diesen Weckruf in kalter Nacht einfach nicht singen. Dramatischer, inniger vielleicht schon. Auch wenn der frühere Rossini-Virtuose, der immer noch durch Arien wie „Deh, tu m’assisti amore“ fliegt und Tongipfel stürmt, als sei das nichts, schon lange nicht mehr bloß der unbekümmert scheinende, leichtfüßige Darling der Opernbühnen sein will. Ja, Flórez gebietet längst auch über eine beeindruckend dramatische Gestaltungskraft, hat die metallischeren Töne, der einstige Tenore di grazia ist klug erwachsen geworden. Dennoch betört seine Hochton-Mühelosigkeit immer noch; und mit dem exzellenten Musikkollegium Winterthur unter Christopher Franklin an seiner Seite spielt der das auch gerne aus. Ob Gounods „Ah léve-toi, soleil!“ oder „Je veux encore entendre ta voix“ aus Verdis zu selten aufgeführter Grand opéra „Jérusalem“, Florez reiht Arien-Perle an -Perle: schimmernd, kostbar und edel. So muss ein Gala-Abend sein. Tosender Applaus.

Was aber könnte danach noch kommen – um ein Festival zu runden? „London“, das 2021er-Motto „beim Menuhin“ hat die Antwort leicht gemacht: Komponisten und Künstler Ihrer Majestät standen im Fokus, und da durfte zum letzten Streich der berühmteste Mitarbeiter der Queen nicht fehlen. Mit einem Filmmusik-Programm mit vielen Titeln aus Bond-Streifen verneigte man sich passend auch vor den beiden langjährigen Gstaad-Gästen Roger Moore und Sean Connery, die sich in den Bergen früher gern vom Agentendarstellen erholten.

Das City Light Symphony Orchestra mit dem energischen Kevin Griffiths am Pult war dafür die hörbar beste Empfehlung. Filmmusik haben diverse Philharmoniker ja mittlerweile im Programm, aber mit so viel Brillanz die sinfonischen Qualitäten von John Barrys und David Arnolds Thrillersounds zum Klingen zu bringen, auch das ist echt ein Gipfel.