Wider den Radikalismus

In seinem kürzlich erschienenen Buch „Generation Allah“ thematisiert Ahmad Mansour die Gefahr einer drohenden Abwendung von demokratischen Werten in den Reihen jüngerer Einwanderer. Er zeigt auf, was dem entgegenzuhalten wäre.

Ahmad Mansour (39), palästinensisch-israelischer Psychologe und Autor, beschäftigt sich seit Jahren mit jungen Menschen in Deutschland, die sich schleichend radikalisieren und den Botschaften der Salafisten erliegen. Er tut das aus einer Innenperspektive: als Muslim und Kenner der Strukturen und Traditionen. Sein Buch "Generation Allah" benennt die Gefahren der von ihm diagnostizierten Abwendung von demokratischen Werten. Es will Wege aufzeigen, wie eine Generation für eine liberale Gesellschaft zurückgewonnen werden kann.

Mansours Diagnose verheißt uns eine ganze Generation von Jugendlichen, die sich zusehends von den Werten einer liberalen, demokratisch strukturierten Gesellschaft abkoppelt. Die - aus Unsicherheit und auf der Suche nach Orientierung - leichte Beute für Salafisten darstellt. Dort nämlich, bei den Predigern eines wortgetreuen Islam, fänden diese jungen Menschen, was ihnen in der Mehrheitsgesellschaft verwehrt bleibe: klare Regeln, Perspektiven, eine Alternative zu mühsam zu erlangender Mündigkeit. Eine sich vor allem aus der zweiten und dritten Einwanderergeneration speisende Gruppe junger Männer und Frauen suche nach Autoritäten. Das Grundgesetz stelle für sie kein Ideal dar - auch deshalb, weil es niemanden gebe, der ihnen die Vorzüge einer freien Gesellschaft vermittelt. "Im Augenblick sind die Salafisten die besseren Sozialarbeiter", schreibt Mansour. Und sagt, dass die Hassprediger Jugendliche aus einem Vakuum abholen. Als Psychologe, der sich mit Islamismus und Antisemitismus beschäftigt, betreut er Kids, die einen radikalen Weg einzuschlagen drohen, bietet Workshops an für Lehrer und Schüler, gehörte der Deutschen Islamkonferenz an.

Er erzählt nicht nur etliche "Fallgeschichten", sondern auch eine prägende Episode seiner eigenen Biographie: Als junger Mann, noch in Israel lebend, unterlag er selbst dem Einfluss eines fundamentalistischen Imams, konnte sich aber vom Radikalismus lösen und ging 2005 nach Deutschland. Er kennt die Mechanismen der Radikalisierung sehr genau. Und behauptet, dass in Deutschland die Gefahr, eine große Zahl junger Leute (er nennt sie "Generation Allah") an den Fundamentalismus zu verlieren, nicht erkannt wird. "Nicht nur in der Bevölkerung, auch seitens der Politik wird die Debatte eindimensional und oberflächlich geführt. Verharmlosung ist an der Tagesordnung, wenn es darum geht, den Gründen für die Ursprünge des Radikalismus auf die Spur zu kommen." Wobei bei Mansour offen bleibt, wie viele Jugendliche gefährdet sind.

Mansours Rezepte sind so allgemein wie einleuchtend, ihre Umsetzung wäre personell und finanziell aufwändig: Die Biographien der Jugendlichen sollten in den Schulen ernst, überhaupt erst einmal wahrgenommen werden; Lehrer müssten ein genaues Wissen über die politische Gegenwart vermitteln; Religionsunterricht sollte nicht länger konfessionsorientiert sein, sondern die verschiedenen Religionen in einen Dialog bringen; man müsse Jugendlichen kritisches Denken vermitteln und im Internet Gegennarrative zu den dort verbreiteten Heilslehren sowie andere Vorbilder schaffen. Mansour beschreibt damit ziemlich genau das, was er selbst in der Zusammenarbeit mit jungen Menschen seit einigen Jahren zu leisten versucht.

Ahmad Mansour: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Ex tremismus umdenken müssen. S. Fischer, 271 Seiten, 19,99 €.

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