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Wer ist normal, wer ist „irre“? Psychiater Manfred Lütz bemüht sich um Aufklärung

Das Buch „Neue Irre!“ von Manfred Lütz : „So jemanden kann man nicht behandeln“

Wer ist normal, wer ist „irre“? Psychiater Manfred Lütz bemüht sich in seinem Buch um Aufklärung – auch über auffällige Politiker.

Fangen wir diagnostisch einfach mal mit der Welt an: Denn die ist inzwischen voller Irrer, Massenmörder, Kriegshetzer, Lügner und Betrüger. Donald Trump betreibe Weltpolitik als Sandkastenspiel, sagt Autor Manfred Lütz, Jair Bolsonaro staune selbst über seine Testosteronschübe, und Kim Jong-un könne man wegen seines „knuddeligen Elefantenbaby“-Aussehens fast nicht böse sein, würde er nicht hin und wieder unliebsame Gegner vornehmlich aus der eigenen Familie über die Klinge springen lassen.

Ist das jetzt schon die „Normalisierung des allgemeinen Wahnsinns?“, fragt Manfred Lütz. Der Bestsellerautor und Psychotherapeut hat bereits vor fast zehn Jahren im Buch „Irre!“ aufzuklären versucht, was wir als „Norm-abweichendes Verhalten“ empfinden und zu bedenken gegeben, dass wir schon immer die Falschen behandelt haben. Denn: „Unser Problem sind die Normalen.“ Und weil das Problem seiner Meinung nach keineswegs geringer geworden ist, gibt es einen Nachfolge-Band mit dem folgerichtigen Titel „Neue Irre“.

     Manfred Lütz, katholischer Theologe, Arzt und Autor.
Manfred Lütz, katholischer Theologe, Arzt und Autor. Foto: dpa/Karlheinz Schindler

Dazu muss man wissen, dass Lütz nicht nur Nervenarzt und Theologe ist, sondern auch kabarettistische Neigungen pflegt und diese auch für unseren Umgang mit psychisch Kranken empfiehlt. Auch das wäre ein erster Schritt dahin, Nervenerkrankungen nicht zu stigmatisieren oder zu tabuisieren. Zumal man inzwischen wisse, „dass ein Drittel der Deutschen irgendwann im Leben psychisch krank wird und die anderen zwei Drittel Angehörige haben, die psychisch krank sind“, sagt Lütz. Das heißt dann: So gut wie jeder von uns hat irgendeinen Onkel, der Alkoholiker war, einen dementen Opa, eine magersüchtige Nichte und eine merkwürdige Tante, von der aber niemand so genau wusste (oder wissen wollte), was sie eigentlich hat.

Für Lütz kein Grund zur Untergangsstimmung, sondern Anlass zum Hinweis, dass psychische Erkrankungen zur Normalität gehören und die meisten inzwischen heilbar sind. „Wer weiß schon, dass die Psychiatrie die erfolgreichste medizinische Disziplin ist, dass die durchschnittliche Liegezeit in deutschen Psychiatrien unter drei Wochen liegt“, sagt Lütz.

Ihm geht es also nicht darum, Depressionen zu akzeptieren und sich gegenüber auffälligen Menschen irgendwie tolerant zu verhalten. Ihm ist eine menschliche Gesellschaft unbehaglich, die das Verrückte in ihr bloß ausstößt und in hermetisch abgeschlossene Bereiche professionell versorgen lässt. Auf diese Weise geben wir uns, die „Normopathen“, ein bedenkliches Selbstbild.

Da wandelt sich eine Gesellschaft plötzlich zu einer Art Tyrannei der Normalität, in der vorgeschrieben ist, was man zu denken und zu sagen hat und wie man sich verhalten soll. Doch Menschen mit psychischen Störungen lassen sich nicht uniformieren. Sie erlauben sich verrückte Gedanken und sprengen nach den Worten des Psychiaters starre Konventionen. „Damit erweisen sie uns allen einen großen Dienst, denn sie halten die humane Temperatur einer Gesellschaft über dem Gefrierpunkt, indem sie ihr nicht nur ein menschliches Gesicht, sondern ganz viele unterschiedliche menschliche Gesichter geben.“ Psychisch kranke Menschen sind nicht bloß gewöhnlich, „sie sind außergewöhnlich“.

Vielleicht gibt uns Corona darin eine kleine Lehrstunde. Weil wir selbst plötzlich in Lebenssituationen gestellt werden, die von unserem scheinbar normalen Leben abweichen und die uns zu neuen Verhaltensweisen anhalten. Und das global. „Wenn alle Menschen auf allen Kontinenten für eine bestimmte Zeit eingeschlossen sind, wie jetzt in der Corona-Krise, dann löst das offensichtlich auch Solidaritätseffekte aus“, sagt Lütz. Plötzlich fallen etliche Verdrängungsmöglichkeiten weg. So kämen in all den künstlichen Welten, in denen wir sonst leben – wie der Wissenswelt, der Psycho-Welt, der Medienwelt – der Tod und die existenziellen Erfahrungen nicht vor: Liebe, Gut und Böse, Gott. „Jetzt aber ist die Angst vor dem Tod allgegenwärtig, und viele Menschen denken mehr darüber nach, was im Leben wirklich wichtig ist.“

Vielleicht fragen wir uns dann auch, was normal ist, ob es Normalität wirklich gibt und ob diese überhaupt wünschenswert wäre? Damit wird kein hohes Lied auf Erkrankungen angestimmt. Vielmehr ist es ein Versuch der Aufklärung darüber, dass unser vermeintlich normales Leben nicht das Maß aller Dinge sein muss.

Und die verhaltensauffälligen Mächtigen? All die Trumps, Bolsonaros und Kim Jong-uns – reif für eine Therapie? Leider nicht. Denn laut Lütz sei es schlichtweg „eine Verharmlosung, wenn man behauptet, Donald Trump sei narzisstisch. Narzissten sind Menschen, die permanent so viel Beifall brauchen, dass sie bald keine Freunde mehr haben – und dann müssen sie zum Therapeuten. Trump hat genügend Freunde, und er leidet auch nicht. Vielmehr ist er ein Mensch, der total unmoralisch ist. So jemanden kann man nicht behandeln – der ist brandgefährlich.“

Das Problem sei, dass Trump von seinem Vater gelernt habe, dass „das Wichtigste im Leben sei: Erfolg, Geld und Der-Größte-Sein. Und dafür dürfe man jede moralische Schweinerei begehen. Trump kennt keinerlei moralische Skrupel, er ist nicht krank, er ist buchstäblich gewissenlos.“

Da stoße jede Behandlung an ihre natürlichen Grenzen. Was dem Psychiater Lütz bleibt, sind Beobachtungen wie diese: „Im Wahlkampf hat Trump einmal gesagt, dass er auf der 5th Avenue ohne weiteres jemanden erschießen könnte, und er würde trotzdem gewählt. Auf so eine Idee kommt man nur, wenn man genau das schon einmal gedacht hat. Diese gefährliche Gewissenlosigkeit darf man nicht durch eine Diagnose wie Narzissmus verharmlosen.“

Manfred Lütz: Neue Irre! Wir behandeln die Falschen. Kösel Verlag,
208 Seiten, 20 Euro.