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Literatur: Wenn die deutsche Demokratie tot wäre

Literatur : Wenn die deutsche Demokratie tot wäre

Juli Zehs neuer, dystopischer Roman „Leere Herzen“ will zeigen, wohin es führt, wenn wir unsere Ideale für Konsum, Entertainment und Profit verkaufen. Geht das Konzept literarisch auf?

Juli Zeh wirft uns ihren neuen Roman mit großer Gebärde vor die Füße; die Widmung klingt wie eine Drohung: „Da. So seid ihr“. Die nahe Zukunft, so wie Zeh sie malt, ist die schwärzeste und schlechteste aller Welten: eine Hölle des Nihilismus, gnadenlos pragmatisch, effizient und egoistisch. Die UNO wurde schon aufgelöst, die EU steht kurz davor. Angela Merkel ist mit Tränen in den Augen verjagt worden; ihre Nachfolgerin, Regula Freyer von der Bewegung Besorgter Bürger, eine Art Alice Weidel, peitscht populistische Sicherheits- und „Effizienzpakete“ durch, die kaum noch auf Widerstand stoßen. Die Demokratie liegt am Boden.

Ihre letzten Verteidiger haben sich ins Private zurückgezogen; die meisten Bürger würden ihr Wahlrecht sowieso für eine Waschmaschine verkaufen. Es gibt keine kritischen Intellektuellen mehr, keine Opposition. Zeitungen sind gleichgeschaltet oder tot. Künstliche Intelligenzen denken für uns, optimieren alles: Ernährung, Verkehr, Kultur, bedingungsloses Grundeinkommen. Niemand weiß mehr, was er denken, geschweige denn glauben, lieben, hoffen soll. „Ruhe sanft, öffentlicher Diskurs“, schreibt Zeh in ihrem Nachruf. Molly Richter, die Taylor Swift von 2025, singt den Hit der Stunde: „Full Hands, Empty Hearts/ It’s a Suicide World, Baby“.

Britta Söldner leidet manchmal auch unter ihrem leeren Herzen und schlechten Gewissen; der Mangel an Überzeugungen und Idealen schlägt ihr auf den Magen. Ihre Kinder spielen Kuschel-Killerspiele mit Terror-Barbies und „Mega-Melanie“ und jubeln „Kollateralschaden!“, wenn sie ein neues Egoshooting-Level erreicht haben. Ihr Mann verkauft seine Seele für Risikokapital aus der Crowd. Britta, pragmatisch und effizient bis hin zum Zynismus, macht aus dem Zusammenbruch aller Werte ein Geschäftsmodell. Zusammen mit Babak, einem schwulen Nerd mit irakischem Migrationshintergrund, betreibt sie in Braunschweig, dem Stadt gewordenen Mittelmaß, eine Agentur für „Self-Managing, Life-Coaching, Ego-Polishing“. Offiziell ist „Die Brücke“ eine Heilpraxis, in der potenzielle Selbstmörder mit einer zwölfstufigen Schocktherapie (inklusive Waterboarding) ins Leben zurückgeführt werden. In Wahrheit vermittelt sie den untherapierbaren Rest als Selbstmordattentäter an potente Auftraggeber wie den IS.

So profitieren alle vom diskreten Service des „Terrordienstleisters“: Die Dschihadisten oder auch die Gutmenschen von Green Power müssen nicht mehr lange nach Kanonenfutter suchen. Die Attentäter geben ihr Leben nur für etwas her, das ihren hohen Ansprüchen genügt: Tierschutz, Separatismus, Occupy oder auch Allah. Und die Sicherheitsorgane haben begründete Hoffnung, den anarchisch-chaotische Terror endlich rationalisieren, professionalisieren und vielleicht sogar steuern zu können.

Alles geht seinen sterilen, geregelten Gang, bis eine Konkurrenzorganisation auf den Plan tritt. Sie nennt sich „Empty Hearts“ und stört mit ihrem dilettantischen Anschlag nicht nur den Markt, sondern die Logik des Funktionierens überhaupt. Brittas versteinertes Herz gerät wieder in Bewegung, Babak zieht Lassie, dem Terror-Server, den Stecker. Zusammen kidnappen sie Guido Hatz, eine zwielichtige Figur, die wohl auch Verbindung zum Geheimdienst und der alten Angela Merkel unterhält. Mehr sei nicht verraten, denn „Leere Herzen“ ist auch ein politischer Thriller.

In den letzten Jahren entstanden auffällig viele literarische Dystopien, in denen die nähere Zukunft als verlängerte Unheilgeschichte der Gegenwart erscheint. Dave Eggers überzeichnete in seinem „Circle“ die Heilsversprechen des Silicon Valley. In Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ wird Frankreich von einer kommoden islamistischen Diktatur regiert. In Charles Lewinskys „Wille des Volkes“ ächzt die Schweiz unter der Knute von Rechtspopulisten. In Karin Duves „Macht“ sollen Frauen den Karren aus dem Dreck ziehen, in den ihn männliche „Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen“ gefahren haben. Juli Zeh hat ihr Engagement für Demokratie und Bürgerrechte selber auch schon mit Zukunftsromanen wie „Corpus Delicti“ flankiert und dabei Waffen wie Holzhammer und Moralkeule eingesetzt. Mit „Unterleuten“ schien sie aber zuletzt ein neues Genre gefunden zu haben: einen nahezu klassischen Gesellschaftsroman, der uns ein Dorf im Brandenburgischen als Mikrokosmos von Tragikomödien und Hallraum gesellschaftlicher Entwicklungen vorführte.

„Leere Herzen“ ist nun wieder ein Schritt zurück: Der politische Zweck ist wohl wichtiger als die erzählerischen Mittel. Figurenzeichnung, Plot, selbst Natur- und Landschaftsschilderungen, alles wird einer höheren Absicht untergeordnet: zu zeigen, wohin es führt, wenn Menschen ihre Überzeugungen und Ideale für die Linsengerichte von Konsum, Entertainment und smarten Profit verkaufen. Die „Reise Richtung Untergang“ endet in Nihilismus, Inhumanität und Selbstzerstörung. Zehs demokratisches Engagement ist ehrenwert, aber nur bedingt unterhaltsam. Der Roman beginnt mit einem Abendessen unter Freunden, mit scharf beobachteten Verhaltensweisen und Smalltalk, als wär’s ein Stück von Yasmina Reza. Am Ende ist es nur eine zähe Satire auf die leeren Herzen und hohlen Köpfe im Selbstmörderclub.

Juli Zeh: Leere Herzen. Luchterhand, 350 Seiten, 20 €.