Weil die Weitsicht im Abseits größer ist

Weil die Weitsicht im Abseits größer ist

„Der Osten“, Andrzej Stasiuks neues Werk, kommt dem Ideal eines Reisebuches sehr nahe. Weil es nicht Fakten und Klischees über uns ausschüttet, sondern das Wesen von Landstrichen und Ortschaften erkundet: ihre Gerüche, den Klang ihrer Stille, die Langeweile ihres Raums, die Würze ihrer Luft und ihre Seele.

Es passiert nicht oft, dass man ein Buch nur portionsweise lesen möchte, weil es so viel sprachliches Gold enthält, dass die übliche Leseroutine zu viel verloren gehen ließe. Andrzej Stasiuks "Der Osten" ist das auf beispiellose Weise geglückte Porträt einer inneren Landschaft, ihrer unermesslicher Weite und zeitlichen Tiefe. Ob in den Karpaten, in Sibirien oder Uigurien: Notorisch begibt er sich an die Ränder, "wo es schwieriger ist, dem Reisenden etwas vorzumachen". Stasiuk legt dabei die DNA der Landstriche frei, die einlullende Trägheit des Alltags, aber auch die unter dessen Haut verborgenen "Adern, durch die das dunkle Blut früherer Ereignisse fließt".

Wie ihm das gelingt? Durch Geduld und Streunerqualitäten, existenzielle Fragen, durch Kontemplation und die Gabe des Sehens (und nicht zuletzt eine beneidenswerte Sprachfertigkeit): "Es musste eine Leere, ein Vakuum entstehen, das man mit Fantasie und Erfahrung ausfüllen konnte." Das ist der eine Schlüsselsatz dieser Tagebuch-Rhapsodie. Der andere, der die nur scheinbare Paradoxie von Stasiuks Wahrnehmungsphilosophie beschreibt, lautet: "Je weiter die Kreise sind, die wir ziehen, desto deutlicher das Zentrum, um das wir uns drehen."

Stasiuk (55), der in der Abgeschiedenheit der Niederen Beskiden (Südostpolen) beheimatet ist und hierzulande insbesondere mit seinem herausragenden Trostlosigkeitsroman "Die Welt hinter Dukla" Bekanntheit erlangte, verschränkt in seinem neuen Buch beständig eigene Kindheitserinnerungen aus den Beskiden mit geradezu körperlich erfahrbaren Reise-Impressionen aus einem gigantischen Niemandsland, den öden, selbstvergessenen Randgebieten Russlands, der Mongolei und Chinas. Beider historische Klammer ist das Scheitern des Kommunismus, dessen lange Schatten sich wie Mehltau über die unwegsame Steppe und die bäuerlichen Gebiete legen. Stasiuks Buch ist ein fast biblischer, sprachlich brillanter Abgesang auf die Hinterhöfe eines Riesenreichs und die Gleichgültigkeit der Zeit, die am Ende alles zu Staub zermahlt. So gesehen, ist dieses bislang beste Werk Stasiuks eine Art Mineralogie des Lebens. Und er einer der größten Alchemisten des Seins der heutigen Literatur.

Blutgetränkt ist sein Vermessungsgebiet auf der "Suche nach den Resten des Uralten" und der Einsicht, dass der Osten - "dieses Grenzgebiet der Kulturen, der Sprachen, der Religionen und des Wetters" - auch ein Grab von ungeheuren Ausmaßen ist: hier Treblinka und der Leichengeruch von 700 000 Toten; dort die erloschenen Hoffnungen der Partisanen. Hier die Erinnerungen an Maos Massenhinrichtungen, dort Stalins sibirische Internierungslager. "Wir leben auf einer Brandstätte", schreibt er, "wir haben eine verkohlte, eine tote Erinnerung. Eine leere." An seiner - gänzlich unpolitischen - Ost-Nostalgie ändert das nichts. Den Siff, die Trostlosigkeit, die Lumpenanarchie, den Siegeszug der China-Nippesmärkte und "die nervösen Schauer der Leblosigkeit" sieht Stasiuk dennoch überall. Ob er nun die unbegrenzte Weite Russlands als uferloses Gefängnis vergegenwärtigt. Ob er die Heimeligkeit der mongolischen Leere, wo aller Schein seinen Sinn verliert, als Verführung zum Sterben empfindet. Oder ob er die wie aus einem kosmischen 3D-Drucker ausgespuckte Überdimensioniertheit chinesischer Provinzstädte als "Überfluss der Nichtigkeit" deutet, der uns bald alle überschwemmen wird: Immer bohrt sich Stasiuk in Grundsätzliches hinein. "Nur das nackte Leben in der verdünnten Luft. Darum ging es mir", schreibt er. Und eben auch um das Fortleben von Erinnerungen.

Wieder zuhause in Polen, lungert er gerne in einem chinesischen Nippesladen herum, dessen Plastikexzess Zukunft und Vergangenheit paart: Er ist für ihn quälender Vorbote eines materiellen Overkills und zugleich beglückendes Nachspiel seiner China-Expedition.

Andrzej Stasiuk: Der Osten. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Suhrkamp, 298 Seiten, 22,95 €.