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Kulturpolitik: Was wird aus dem Pingussonbau?

Kulturpolitik : Was wird aus dem Pingussonbau?

Sanierung oder Abriss nach Sanierungsverschleppung – wie das frühere Kulturministerium in Saarbrücken verfällt.

Auch Untätigkeit ist eine Form des Handelns. Etwas nicht zu tun oder zu unterlassen, kann nach Lage der Dinge ja mitunter durchaus zielführend sein. Wer in diesen Wochen an Georges-Henri Pingussons ehemaliger Französischer Botschaft, später jahrzehntelang Sitz des Kultusministeriums, vorbeifährt, dem drängt sich beim Blick auf die immer mehr verrottende Betonfassade des denkmalgeschützten Bauwerks mittlerweile die Frage auf, ob durch anhaltendes Nichtstun sein Ruin herbeigeführt werden soll. Will man die Sanierung womöglich so lange verschleppen, bis diese so unverhältnismäßig teuer geworden ist, dass nur noch der Abriss bleibt?

Seit April 2014 steht das „Schmale Handtuch“ leer, fast ebenso lang schon werden nun schon „Sachverhaltsermittlungen“ durchgeführt und unterschiedliche Sanierungsvarianten durchgespielt. Dreieinhalb Jahre „ergebnisoffene Planung“? Nach Lage der Dinge geht es – diese Vermutung kann man inzwischen gewinnen – in erster Linie darum, Zeit zu gewinnen. Weil sich das Land die unbestätigten Gerüchten zufolge 30 Millionen Euro teure Ertüchtigung des Gebäudes zum einen derzeit nicht leisten kann. Und zum anderen mancher im Kabinett den ungeliebten Bau wohl am liebsten loswerden, sprich abreißen lassen würde – ungeachtet eines Ministerratsbeschlusses von 2011, demzufolge das Kulturministerium nach einer Sanierung wieder in den Pingussonbau zurückziehen soll.

Im Februar 2016 hatte die Ministerpräsidentin dies gegenüber der SZ noch einmal unterstrichen. „Das ist die von mir favorisierte, da pragmatischste Lösung“, ließ Annegret Kramp-Karrenbauer die in Sachen Zukunft des Pingussonbaus gespaltene saarländische Öffentlichkeit seinerzeit wissen. Pikanterweise hatte die Landesregierung seinerzeit einen Monat vor Kramp-Karrenbauers Wortmeldung die damalige Fraktion der Linken in einer Antwort auf deren parlamentarische Anfrage zum Pingussonbau wissen lassen: „Eine Umnutzung des Gebäudes bzw. eine Veräußerung der Immobilie könnten ebenfalls mögliche Optionen sein.“ Schon damals also hielt sich die Regierung alle denkbaren Szenarien offen.

In einer neuerlichen parlamentarischen Anfrage der Landtagsfraktion der Linken versuchte zuletzt vor zwei Monaten deren Fraktionsgeschäftsführer Jochen Flackus, Licht ins Dunkel der Causa Pingusson zu bringen und den heutigen Stand der Dinge in Erfahrung zu bringen. Flackus hakte nach, ob „die erforderlichen Sachverhaltsermittlungen mittlerweile vollumfänglich abgeschlossen“ seien und mit welchem Ergebnis? Die Anfrage der Linken ist offiziell zwar noch unbeantwortet. Doch ein paar Details sind bereits durchgesickert. Konkrete Zahlen, die mutmaßlichen Sanierungskosten des Kumi-Baus betreffend, bleibt die Landesregierung demnach auch in ihrer aktuellen parlamentarischen Antwort schuldig. Begründet wird dies mit immer noch nicht abschließend geklärten Prüfungen. Neben einer Minimalsanierung sondiert man Mittel und Wege einer umfassenden, die energetische und lärmtechnische Ertüchtigung des Pingussonbaus einschließenden großen Lösung. Damit nicht genug, gilt es auch, Planungsszenarien für Modernisierung und Neuzuschnitt der alten Büros durchzuspielen.

Kurzum: Die Grundsatzfrage wird nach Lage der Dinge abermals vertagt. Drei Varianten stehen damit weiterhin im Raum:
1) eine bloß konservierende Minimalsanierung, um den weiteren Verfall zu stoppen. 2) eine umfassendes In-Wert-setzen des gesamten Gebäudekomplexes in Würdigung seiner herausragenden Bedeutung als architektonische wie auch regionalhistorische Landmarke. 3) ein Abriss oder Verkauf der Immobilie an einen Investor.

Die Landesregierung ist in der Zwickmühle: Auch 2020 steuert man fiskalisch nicht die Insel der Seligen an. Verteilungskämpfe über die dann jährlich zur Verfügung stehenden zusätzlichen 50 Millionen Euro für Investitionsmaßnahmen (400 statt bislang 350 Millionen Euro) sind da programmiert: Man denke nur an den gigantischen Investitionsstau an der Universität (derzeit auf 400 Millionen Euro beziffert) und beim Landesamt für Straßenwesen. Selbst wenn man die umfassende Sanierung des Pingussonbaus nur mit 30 Millionen Euro veranschlagen würde und diese über fünf Jahre strecken würde, schlüge dies jährlich mit sechs Millionen Euro zu Buche. Zwar soll nach der mittelfristigen Haushaltsplanung der Investitionshaushalt des Landes ab 2020 jährlich um zwei Prozent steigen, sodass er sich 2030 bei 488 Millionen Euro einpendeln würde. Große Sanierungssprünge aber werden sich selbst damit nicht machen lassen. Will sagen: Um den Pingussonbau zukunftsfähig zu machen (vorzugsweise für den weiterhin präferierten Wiedereinzug des Kulturministeriums), bedarf es einer mutigen Richtlinienentscheidung – soll das Projekt nicht im 2020 wohl einsetzenden Hauen und Stechen aller Bedürftigen den Kürzeren ziehen. Wird die große Koalition auch dann noch daran festhalten, wenn sie den populistischen Gegenwind derer zu spüren bekommt, die in dem Bau nur eine Altlast sehen?

Die Fraktion der Linken hat in ihrer noch anhängigen parlamentarischen Anfrage auch wissen wollen, ob mit Blick auf eine mögliche Ko-Finanzierung der Sanierung bereits Gespräche mit dem Bund, der EU oder Dritten laufen. Die Gunst der Stunde will es, dass die EU 2018 ein Welterbejahr ausgerufen hat und die Landesregierung im Verein mit dem Werkbund Saar dabei die ehemalige Französische Botschaft und deren regional- und bauhistorische Bedeutung in den Fokus rücken wollen. Letzteres könnte ein Indiz dafür sein, dass man einerseits versucht, den Pingussonbau als Monument saarländischer Nachkriegsgeschichte in Erinnerung zu rufen. Und andererseits vielleicht die EU ins Investitionsboot zu kriegen.

 Einer der Räume, die mittlerweile eine Stütze brauchen.
Einer der Räume, die mittlerweile eine Stütze brauchen. Foto: Tobias Keßler
 Stilvoll auf- und absteigen: die elegante Treppe im Ministerbau.
Stilvoll auf- und absteigen: die elegante Treppe im Ministerbau. Foto: Tobias Keßler
 Einer der langen Gänge im Gebäude.
Einer der langen Gänge im Gebäude. Foto: Tobias Keßler
 Die Öffnungen der Fassade von innen.
Die Öffnungen der Fassade von innen. Foto: Tobias Keßler
 Heute im Dornröschenschlaf verstaubt, einst der Eingangsbereich.
Heute im Dornröschenschlaf verstaubt, einst der Eingangsbereich. Foto: Tobias Keßler

Für einen Rückumzug des Kulturministeriums ließen sich – trotz der damit verbundenen gewaltigen Investitionen, weil die das „volle Programm“ erfordern würde, sprich die umfassende Sanierung des Pingusson-Ensembles – auch finanzielle Gründe ins Feld führen. Im derzeitigen Ausweichquartier zahlt das Land jährlich rund 1,5 Millionen Euro an Miete. Binnen zehn Jahren also ungefähr die Hälfte der mutmaßlichen Sanierungskosten. Sollte für das Land nicht derselbe Grundsatz gelten, den Eigenheimler rauf und runterbeten? Investiere lieber in eine eigene Immobilie als Dritte zu bedienen.