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Warum Klaus-Peter Wolf in seinen Büchern keine Tabus kennt

Ostfriesenkrimis : „Niemand pfändet mehr mein Konto“

Was Krimiautor Klaus-Peter Wolf schreibt, wird regelmäßig zu Auflagen-Gold und mittlerweile auch im Fernsehen zum Quotenhit.

Die Ostfriesen-Krimis von Klaus-Peter Wolf (64) zählen mit einer Gesamtauflage von sechs Millionen Exemplaren zu den am besten verkauften Büchern in Deutschland. Im Februar kommt der nächste Band, „Ostfriesennacht“, – mit einer Startauflage von 260 000 Stück. Diesen Samstag, 29. Dezember, 20 Uhr, läuft nun die Verfilmung von „Ostfriesenblut“ mit Christiane Paul als Kommissarin Ann-Kathrin Klaasen im ZDF. Die TV-Fassung von „Ostfriesensünde“ zeigt das ZDF am 2. Februar.

Diesen Samstag läuft die zweite Verfilmung eines Deiner Ostfriesenkrimis, „Ostfriesenblut“, im ZDF. Der dritte ist auch bereits gedreht. Obwohl Du über Jahre als Drehbuchautor tätig warst, hast Du bei Deinen eigenen Krimis das aber andere machen lassen. Wie ging es Dir jetzt beim Anschauen der Filme, wie sehr sind das noch Deine Geschöpfe?

WOLF Ja, das stimmt. Ich habe mehr als 60 verfilmte Drehbücher geschrieben. Aber da ich jedes Jahr ein, zwei dicke Romane schreibe und zusammen mit Bettina Göschl noch ein Kinderbuch, musste ich mich entscheiden, die Drehbucharbeit abzugeben. Nils-Morten Osburg ist ein sehr guter Autor, um Literatur für den Film zu adaptieren. Ich habe das Filmteam aber von Anfang an beraten. Das war ihnen sehr wichtig. Von den ersten Gesprächen bis zur Verfilmung sind sieben Jahre vergangen. Jahre einer langsamen Annäherung. Das hat der Sache gut getan. Der Producer von Schiwago Film, Simon Grohe, sagte: „Wer kennt die Romanfiguren besser als der Autor?“ Wir haben ja „Ostfriesenblut“ und „Ostfriesensünde“ in einem Rutsch verfilmt. Ich bin mit beiden Produktionen sehr einverstanden. Ich finde meine Geschichten und meine Figuren wieder.

Vom ersten zum zweiten TV-Krimi mussten zentrale Figuren – etwa Polizeichef Ubbo Heide – neu besetzt werden, statt Peter-Heinrich Brix jetzt Kai Maertens. Verändert das nicht grundlegend die Filmerzählung?

WOLF Jeder Schauspieler prägt die Rolle auf seine Weise. Ich fand Peter-Heinrich Brix gut, bin aber auch mit Kai Maertens sofort prima klargekommen. Wir haben einen Tag geredet und versucht, eine gemeinsame Vorstellung zu entwickeln. Er hatte zu dem Zeitpunkt sechs meiner Kriminalromane gelesen. Witzigerweise mochte er kein Marzipan. Im Roman ist Kripochef Ubbo Heide aber leidenschaftlicher Marzipan-Esser. Als der Konditor Jörg Tapper vom Café ten Cate das hörte, kam er quer über den Marktplatz gelaufen und brachte seinen berühmten Marzipanseehund. Er sagte zu Kai Maertens: „Sie haben noch nie richtiges Marzipan gegessen. Probieren Sie mal.“ Kai zierte sich erst. Dann probierte er aus Höflichkeit. Später steckte er sich mehrere Marzipanseehunde ein. So prägt die Rolle am Ende auch den Schauspieler. Es wird bei der Verfilmung einer Reihe, die aus vielen tausend Seiten besteht und bis jetzt aus 13 Romanen, bestimmt immer mal Neubesetzungen geben. Ich finde das nicht schlimm. Viele Schauspieler haben schließlich Maigret gespielt oder James Bond.

Eine Verfilmung ist ja notwendigerweise immer eine Verknappung des Romanstoffs, eine Konzentration, wo musste man bei „Ostfriesenblut“ Kompromisse machen?

WOLF Der Roman hat 350 Seiten, das Drehbuch 92. Die von mir eingelesene Hörbuchfassung ist vier Stunden lang. Der Film 90 Minuten. Aber dafür hat der Film andere Möglichkeiten. Ich muss die Landschaft, die Kulisse nicht beschreiben. Es ist alles gleich da. Trotzdem geht es ohne eine Verknappung nicht. Das ist manchmal schmerzhaft. Film ist eben ein anderes Medium. Meine Bücher sind für das Filmteam eine große Herausforderung, da ich fantasieanregend schreibe. Meine Leserinnen und Leser haben eigene Vorstellungen im Kopf, und die unterscheiden sich garantiert von denen der Filmemacher, denn ich will ja, dass Bilder im Kopf meiner Leser entstehen. Und das sind dann ihre eigenen Filme. Zum Beispiel habe ich Kommissar Rupert nie körperlich beschrieben. Für viele hat er einen Bierbauch, weil er gern Bier trinkt und Currywurst isst. Das habe ich aber nie geschrieben. Die Vorstellung in den Köpfen kommt nur aus seinen Handlungen.

Hat sich nach der Ausstrahlung von „Ostfriesenkiller“ etwas an Deinem Schreiben verändert? Sind die Zuschauer-Reaktionen andere als jene der Leser, die ja in Teilen Hardcore-Fans sind, jede Buchvorstellung zelebrieren und Fan-Clubs für einzelne Charaktere bilden? Und redet jetzt das Fernsehen bei den Plots mit?

WOLF Mir redet niemand rein. Das geht auch gar nicht, denn niemand kennt die nächste Geschichte, an der ich arbeite. Wer nichts weiß, kann auch nichts verraten. Beim Schreiben gehe ich immer ganz in die Perspektiven meiner Personen, sehe die Welt aus ihrer Sicht. Die vielen Gespräche mit den Fans haben allerdings Einfluss auf mich. Da kommen viele Wünsche wie: „Beate soll sich endlich von Rupert scheiden lassen.“ Verstehe ich zwar, mach’ ich aber natürlich nicht. Ich finde das alles sehr spannend. Ich sehe, wie bestimmte Romanfiguren Menschen emotional berühren. Wenn ich dann aber schreibe, bin ich ganz in der Geschichte und habe das Gefühl, dass die Figuren mir die Story erzählen, ja diktieren…

Dein erster Ostfriesenkrimi ist vor zwölf Jahren erschienen. Allein in Deutschland beträgt die Auflage sechs Millionen. Wie viele schlaflose Nächte macht so ein Erfolg?

WOLF Es ist schon ein bisschen verrückt. Niemand hat mit diesem Erfolg gerechnet. Dahinter steckt auch keine Marketingkampagne oder so, es war Flüsterpropaganda. Eine Leserin hat einer anderen erzählt: „Ich lese gerade ein total spannendes Buch…“ Bis Band sechs, „Ostfriesenangst“, lief alles gut, aber im normalen Rahmen. Mit dem sechsten Band begann die Platzierung in den Bestsellerlisten. Ich schlafe jetzt besser als früher. Niemand pfändet mehr mein Konto…

Deine Romane spiegeln einerseits soziale Phänomene, gesellschaftliche Verwerfungen, anderseits konfrontieren sie den Leser immer auch mit Urängsten, nicht selten an der Grenze des Erträglichen. Im neuen Band muss Kommissar Weller etwa fürchten, dass der Freund seiner Tochter ein Mörder ist. Gibt es eigentlich Tabus für Dich, über die Du nicht schreiben wirst?

WOLF Interessante Frage. Jeder Roman hat bei mir ja ein archaisches Grundmotiv. Eine Frage, der nachgespürt wird. In „Ostfriesenblut“ geht es um Erziehung. Um schwarze Pädagogik. Ich musste als Schüler in der Volksschule, so hieß das damals noch, nach vorne kommen und die Hände ausstrecken. Dann wurde mit einem Stock auf die Finger geschlagen. Nicht alle Lehrer waren gute Leute. Einige waren auch durch die Nazi-Erziehung und den Krieg seelisch zerstört. Da ist gerade in Heimen schreckliches Unrecht geschehen. Der Roman arbeitet das auf. Nachdem „Ostfriesenblut“ erschienen war, bekam ich sehr viel Post von Menschen, die genau so etwas erlebt hatten. Und wenn sie aus den Heimen wegliefen, dann brachte die Polizei sie wieder dahin zurück, statt sie zu schützen. Ein Mann schrieb mir: „Zum ersten Mal habe ich beim Lesen zum Serienkiller gehalten. Ich habe oft davon geträumt, mich an den alten Erziehern zu rächen…“ Wenn ich mein Thema gefunden habe, dann erzähle ich es konsequent durch. Tabus gibt es dann nicht. Außer dem einen: Sei niemals langweilig!

Mittlerweile hat sich ja ein Bösewicht aus Deinen Krimis emanzipiert, Dr. Sommerfeldt, der sich eine eigene Romanreihe erkämpft hat. Wird er es auch ins Fernsehen schaffen?

WOLF Ja, die Romane um den Serienkiller Dr. Sommerfeldt haben sehr viele Leser gefunden. Es wird eine Trilogie. Der dritte Band „Todesspiel im Hafen“ erscheint im Juni 2019. Ich habe den Roman schon im Verlag abgeliefert. Nur das Hörbuch muss ich noch einlesen. Gerade kam von einem New Yorker Agenten die Frage, ob die Rechte für die Verfilmung noch frei seien. Netflix hatte wohl Interesse, aber Schiwago Film hat bereits eine Option auf die „Totenstille im Watt“ und „Totentanz am Strand“ erworben. Bei denen ist der Stoff auch in guten Händen, denke ich.