Wang Xiaoshuais "So Long, My Son" gilt als großer Favorit bei der Berlinale

Berlinale : Antike Wucht, made in China

An diesem Samstag werden die Berlinale-Bären vergeben: Zu den Favoriten gehört der chinesische Film „So Long, My Son“.

(kna) Heilt Zeit Wunden? Schmerz kann nachlassen, Risse mögen vernarben, doch was immer bleibt, ist die Schuld. In Wang Xiaoshuais Drama „So Long, My Son“ sagt jemand, diese Schuld sei seit seiner Kindheit in ihm und mit ihm gewachsen wie ein Baum. Vor dem, was in uns ist, gibt es kein Entrinnen. Das kennen wir von den griechischen Tragikern. Doch wer die faszinierenden drei Stunden von „So Long, My Son“ durchlebt hat, weiß: Was damals galt, stimmt auch heute.

Kunstvoll verschachtelt erzählt der Film, der als einer der heißesten Favoriten auf den Goldenen Bären der Berlinale gilt, mehr als drei Jahrzehnte chinesischer Geschichte. Die Schicksale zweier eng verbundener Familien spiegeln die Nachwirkungen der Kulturrevolution, die Ein-Kind-Politik, die Wende zur Marktwirtschaft und schließlich den brachialen Turbokapitalismus wider. Im Zentrum stehen die katastrophalen Folgen der kommunistischen Familienpolitik: Liyun und ihr Mann Yaojun werden gezwungen, ihre zweite Schwangerschaft abzubrechen. Dann stirbt ihr Sohn bei einem Unfall. Heimgesucht von dieser doppelten Katastrophe findet das junge Paar einen Platz abseits des ökonomischen Booms, gebrochen auch von permanenter staatlicher Gängelung. Doch nach und nach erfahren wir, dass das nicht die ganze Wahrheit ist: Jahre später erleben die beiden mit ihrem pubertierenden Adoptivsohn die üblichen Probleme, dann verschwindet der Knabe, und immer wieder fällt der Name des längst verstorbenen leiblichen Sohnes.

Was ist wirklich geschehen? Erst der Blick auf die mit Liyun und Yaojun befreundete Familie zeigt das tragische Ausmaß der Geschichte. Auch hier finden wir Vater, Mutter und einen Sohn, und alle drei sind eng in das Drama verwickelt. Wie eng, das klärt sich erst im Verlauf des Films, der sich mit Hingabe der Unausweichlichkeit von Schuld und der Möglichkeit von Sühne widmet. Kann man tatsächlich jemandem ein Kind schulden? Entscheidend ist, dass das Glück der einen ohne das Unglück der anderen nicht denkbar wäre. Doch was ist Glück, was Unglück? Vielleicht gibt es, jenseits aller staatlichen Ein- und Übergriffe, doch so etwas wie eine Möglichkeit der Entscheidung, eine Art von Offenheit des Schicksals. Auch ohne das Wort Freiheit zu benutzen, versuchen Yaojun und Yong Mei, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Der Film erzählt diese in jeder Hinsicht große Geschichte in ruhigen, konzentrierten Bildern. Hinter der persönlichen Tragik erkennen wir die objektive Staatsgewalt. Doch ist sie keine Folie, kein dramaturgischer Hintergrund: Jeder ist von seiner gesellschaftlichen Existenz bestimmt und geformt. Die Durchgriffsmacht des Systems auf die Menschen sorgt für deren schuldhafte, unausweichliche Verstrickung. Anders wäre ein solches Drama von antiker Wucht nicht denkbar. Regisseur Wang Xiaoshuai gelingt es, das Tragische mit einem sicheren Blick für das ganz Normale zu mildern, wenn nicht zu brechen. Dazu setzt er auf das präzise Spiel seiner Hauptdarsteller (Wang Jingchun als Yaojun, Yong Mei als Liyun) und auf die ruhige Kamera Kim Hyung-seoks. Nicht zuletzt das großartige Drehbuch (A Mei & Wang Xiaoshuai) sorgt für die innere Spannung dieses epochalen Films.

Dass Wang Xiaoshuais kritischer Film tatsächlich in Berlin gezeigt wird, ist bemerkenswert: Der andere chinesische Wettbewerbsbeitrag, Zhang Yimous „One Second“, wurde plötzlich zurückgezogen – ein in der Geschichte des Festivals einzigartiger Vorfall. Offiziell werden technische Gründe genannt; Kenner der chinesischen Medienpolitik vermuten dagegen, dass der Film ein Opfer der Zensur wurde.

Neben „„So Long, My Son“ wird auch „A Tale of Three Sisters“ von Regisseur Emin Alper für den Hauptpreis gehandelt. Er erzählt ein archaisches Märchen über drei Schwestern in einem türkischen Bergdorf. Abräumen könnte auch „Öndög“, vom Chinesen Wang Quan‘an in der Mongolei gedreht. Er holte 2007 mit „Tuyas Hochzeit“ den Hauptpreis. „Öndög“ zeigt eine Hirtin, die auf ihre Unabhängigkeit pocht. Von den drei deutschen Wettbewerbsbeiträgen (darunter Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ und Angela Schanalecs Familiendrama „Ich war zuhause, aber“) überzeugte maßgeblich „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt – die Geschichte eines gewalttätigen Mädchens, das von einer Unterbringung in die nächste geschoben wird. So konsequent, wie dieses Debüt erzählt ist, hätte es einen Bären verdient.

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