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vor der Premiere von Peter Handkes neuem Stück lag eine Prise Skandal in der Luft.

Salzburger Festspiele : „Was für ein langer Satz. Bitte, kurze Sätze“

Bei den Salzburger Festspielen triumphierte eine „Elektra“-Inszenierung. Und vor der Premiere von Peter Handkes neuem Stück lag eine Prise Skandal in der Luft.

Ein Theaterwunder bei den Salzburger Festspielen:  Richard Strauss‘ Rache- und Morddrama „Elektra“ zu programmieren, als pausenloser Einakter in perfektem Corona-Format, war ein Coup. Und man fragte sich am frenetisch bejubelten Ende, welcher der drei bravourösen Sopranistinnen die Palme gebührt: Ausrine Stundyte als Elektra, Asmik Grigorian als Chrysosthemis oder Tanja Ariane Baumgartner als Klytämnestra. Die 1909 in Dresden uraufgeführte Oper auf ein Libretto, das Hugo von Hofmannsthal nach einer Tragödie des Sophokles geschrieben hatte, ist eine musikalisch-emotionale Gewalttour. Unterbrochen von nur wenigen Inseln der Innigkeit ergießt sich unter der Regie von Krzysztof Warlikowski ein fast pausenloser, orgiastischer Klangstrom über das Publikum, mit dem der Komponist das antike Drama um die blutige Rache der Königstochter Elektra an ihrer Mutter Klytämnestra, die ihrerseits ihren Gemahl Agamemnon auf dem Gewissen hat, genial in Töne setzte. Ihr Bruder Orest dient Elektra dabei als willig-unwilliges Mordwerkzeug.

Dirigent Franz Welser-Möst am Pult der Wiener Philharmoniker mit der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor gelang es, die Klangmassen ebenso kontrolliert zu forcieren, wie er sie in entscheidenden Momenten zu bändigen verstand, um die enorm geforderten Sängerinnen nicht zuzudecken.

Nach diesem Triumph lag am Sonntag eine Prise Skandal in der Luft – vor der Premiere von Peter Handkes Stück „Zdenek Adamec“. Darin geht es um einen jungen Tschechen, der sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin übergoss und selbst verbrannte, als angebliches Fanal gegen die Herrschaft von Macht und Geld im postsozialistischen Kapitalismus. Die „Mütter von Srebrenica“ hatten Proteste gegen Handke angekündigt. Doch am Sonntagabend blieb alles ruhig vor dem Salzburger Landestheater. Nur ein wildes Plakat fiel ins Auge: „Warum so wenig Resonanz auf Peter Handkes konsequente Völkermordleugnung?“. Handke hatte sich im Jugoslawien-Konflikt stark mit Serbien solidarisiert und nach Ansicht von Kritikern die von Serben begangenen Kriegsverbrechen bagatellisiert oder geleugnet.

„Zdenek Adamec“ ist ein zweistündiges Gespräch von sieben Männern und Frauen über Adamecs Tat im besonderen und das „sich selbst abschaffen“ im allgemeinen, eine Reflexion, ein ständiges Hinterfragen bis auf den Grund der Textstruktur („Was für ein langer Satz. Bitte, kurze Sätze“), durchzogen von Altersweisheit, die nur ganz selten in Altherren-Larmoyanz umschlägt.

Handke selbst hatte eifrig recherchiert im Heimatort seines Protagonisten, Humpolec, von wo aus dieser mit dem Bus ins nahe Prag gefahren war, um sich auf schreckliche Weise das Leben zu nehmen. Der Autor versucht, dem Leben dieses Mannes und seinen Motiven nachzuspüren. War die Tat vergleichbar mit der Selbstverbrennung Jan Palachs bei der Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes? Oder war sie die Tat eines Kranken, eines weltverloren-neurotischen Computerfans, der zuvor mit seinen Kumpels von der Hacker-Gruppe „Darkers“ die Prager Straßenbeleuchtung ausgeknipst hatte? Zu einem Ergebnis kommt Handke nicht.

In gewisser Weise zeitaktuell-politisch wird sein Text, wenn er die Lust am Weltuntergang und der von manchen offenbar ersehnten Apokalypse aufs Korn nimmt, die gerade in den Zeiten von Klimawandel und Coronapandemie mächtig grassiert. „Jedenfalls: bei jedem kleinen oder großen Weltuntergang wachsen mir Flügel. Ich denke sogar heimlich bei mir: So ist das Leben. Recht so. Endlich ernst. Endlich die Welt schleierlos“, sagt eine junge, lebenslustige Frau, dargestellt von Luisa-Céline Gaffron. Gaffron ist eine der sieben Schauspielerinnen und Schauspieler des Stücks, zu denen auch der großartige Hanns Zischler zählt, außerdem Handkes Ehefrau Sophie Semin. Leider läuft die junge, ambitionierte Regisseurin Friederike Heller streckenweise Gefahr, das Stück überzuinszenieren, gleitet manchmal ins Kitschige ab – etwa wenn sie zur Schilderung von Adamecs Flammentod einen Bach-Choral spielen und Schneeflocken auf die Bühne rieseln lässt, die von Bühnenbildnerin Sabine Kohlstedt mit Stahlgerüsten in Form stilisierter gotischer Spitzbögen ausstaffiert wurde. Angesichts der poetischen Kraft des Textes wäre weniger oft mehr gewesen.