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Vom Graben und Suchen in der deutschen Geschichte

Vom Graben und Suchen in der deutschen Geschichte

Der Schriftsteller Marcel Beyer (50) erhält den Georg-Büchner-Preis 2016, dotiert mit 50 000 Euro. 2015 hat Beyer die traditionelle Rede an die saarländischen Abiturienten gehalten.

Marcel Beyers Oma hat Ende der 60er Jahre ihren kleinen Enkel gerne mit Heintjes Mama-Hit "Du sollst nicht weinen" beglückt. Erst viele Jahre später fand der Schriftsteller heraus, dass der von ihm so ungeliebte Rühr-Text des niederländischen Kinderstars aus dem Nazi-Kriegsfilm "Mutter" stammt. "Die Unfähigkeit zu trauern verwandelt sich in einen sentimentalen Quatsch", bringt es der Autor auf den Punkt.

Mit den (un-)geweinten Tränen der Nachkriegszeit und des gesamten 20. Jahrhunderts hat sich Beyer im Februar in den Poetikvorlesungen an der Uni Frankfurt beschäftigt. Die Heintje-Anekdote macht dabei deutlich, wie der Schriftsteller der Zeitgeschichte und den sich dahinter verbergenden kleinen Geschichten auf den Grund geht. Wie kaum ein anderer seiner Generation hat der 50-Jährige der deutschsprachigen Literatur damit neue Perspektiven eröffnet.

In seinem Roman "Flughunde" (1995), mit dem Beyer auch international den Durchbruch schaffte, geht es um einen Akustikexperten, der im Nationalsozialismus für die Beschallung der Aufmärsche zuständig ist. Ihm stellt der Autor die achtjährige Tochter von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gegenüber. Hier ist auch die Sichtweise der Kinder der Täter mitverarbeitet.

Der Ost-West-Roman "Kaltenburg" (2008) umspannt sieben Jahrzehnte deutscher Geschichte. Im Zentrum steht ein in Dresden arbeitender DDR-Ornithologe mit seinem Mentor. Seine Biografie hat Parallelen zu der des Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Mit seinen schmalen, durchkomponierten Romanen ist Beyer kein epischer Erzähler - aber auch kein Avantgardist. Umfassende Recherche ist für ihn unverzichtbar. Für "Kaltenburg" hat Beyer, wie er berichtet, Fachbücher über Ornithologie gewälzt und mit Fachleuten gesprochen. Die Lyrik ist seine alte Heimat und heute noch ein wesentlicher Teil seines Werkes. Bereits mit 14 Jahren hat der im Rheinland aufgewachsene Autor Gedichte geschrieben. Zu seinen Vorbildern gehört die Österreicherin Friederike Mayröcker. "Wenn ich an einem Roman arbeite, dann geht es mir genauso um jedes Wort, um den Rhythmus und die Klänge, wie wenn ich ein Gedicht schreibe", sagt Beyer.

Sozialisiert mit der Popmusik der 1980er Jahre hat Beyer in Siegen studiert. Er beschäftigte sich dort mit Performance- und Videoarbeiten und gab die Buchreihe "Vergessene Autoren der Moderne" heraus. Zum Einschnitt wurde für ihn der Mauerfall 1989. Bei Besuchen in Berlin und im Osten stellte er fest: "Die Spuren der Zeit vor 1945 sind dort viel präsenter." Für den eher geschichtslos groß gewordenen Beyer war das dann der Anlass, tiefer in der deutschen Vergangenheit zu bohren. Nach seinem Debütroman "Das Menschenfleisch" (1991) siedelte er nach Dresden über; heute blickt er auf 20 Jahre "Osterfahrung" zurück, wie er sagt.

Zum Schaffen Beyers gehören auch Übersetzungen aus dem Englischen und ins Englische, Libretti für Opern - und 2015 die traditionelle Rede an die saarländischen Abiturienten. Derzeit ist ein Libretto für die Staatsoper Stuttgart in Arbeit nach Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili". Auch die aktuellen Poetikvorlesungen - vor Frankfurt war Beyer an der Uni Köln engagiert - sollen bald als Buch erscheinen.